Zum Hauptinhalt springen

Pilgerreisen mit der Kamera

Annie Leibovitz hat mit Fotoapparat und Notizblock Orte ihrer persönlichen Obsession aufgesucht.

Von Ulrike Hark Ein bisschen kommt es einem vor, als sei dieses Buch eine gute Ausrede, um an Orte zu kommen, die Annie Leibovitz immer schon einmal sehen wollte, aber nicht konnte. Gleich auf der zweiten Seite gesteht sie den Lesern denn auch, dass sie mit ihrer Geliebten Susan Sontag lange einen Plan von einem «Schönheiten-Buch» gehegt habe, das den beiden ermöglicht hätte, endlich Orte ihres Herzens besuchen zu können. Susan Sontag starb 2004, und das Projekt des «Schönheiten-Buchs» wurde begraben. Doch der soeben erschienene Bildband «Pilgrimage» ist so etwas wie seine Realisierung unter veränderten Vorzeichen. Der Horizont der spirituellen Reise ist weit gefasst: Annie Leibovitz führt uns von geografischen Kultorten wie den Niagarafällen zu Orten der Literatur, der Malerei, der Popkultur und der politischen Geschichte in Amerika und England. Die Absicht, dieses oder jenes Haus oder eine bestimmte Gegend aufzusuchen, ist sehr subjektiv geprägt. Wohl auch, weil Leibovitz viele Jahre im Auftrag von Zeitschriften fotografiert hat und endlich etwas ganz Persönliches schaffen wollte. Doch es braucht schon eine gewisse Detailverliebtheit und Faszination für Geschichten am Rande des Weltgeschehens, will man sich diesen Bildband genussbringend zu Gemüte führen: So muss einen beispielsweise interessieren, welche Reitstiefel die Sportschützin Annie Oakley 1900 trug, wenn sie jeweils dem Herzass mitten durchs rote Herz schoss, oder welche Handschuhe Abraham Lincoln in der Tasche hatte, als er im April 1865 im Ford’s Theatre in Washington erschossen wurde. Die offensichtlich stark benutzten Handschuhe (Lincoln musste viele Hände schütteln!) hat Leibovitz im Bild festgehalten, ebenso seinen Zylinder. Es sind poetische Bilder mit der Patina der Geschichte, oft verträumt oder mit Licht dramatisch aufgeladen. Einige Aufnahmen sind schlicht genial, wie die von den Niagarafällen. Leibovitz wählt die Perspektive so, dass man sich als Betrachter mitten im tosenden Wasser wähnt. Doch die meisten Bilder sind emotionale Essenzen, die sich nicht immer ganz erschliessen. Diese Essenzen können für die eigene Erinnerung Balsam sein, als Leserin aber wünschte man sich mitunter etwas mehr Wirklichkeit. Das mag kleinlich erscheinen, aber gerade beim einzigartigen Farnsworth House, das Ludwig Mies van der Rohe in den 40er-Jahren für eine kapriziöse und reiche Ärztin aus Chicago baute, würde man gern das Haus selber sehen. Doch Leibovitz zeigt uns keine einzige klare Aufnahme davon. Dafür gibt es Doppelseiten mit Bäumen und Geäst, die das Haus umgeben. Wunderschön zwar und auch kongruent, denn der Blick aus dem Glashaus, das Mies van der Rohe auf Stelzen mitten in einen Wald setzte, muss phänomenal sein. Doch wer das Haus nicht kennt, wird es googeln müssen. Lincolns Ende, Elvis’ Fernseher Interessant sind dann wiederum Leibovitz’ Notizen zur Geschichte des Hauses. Wie die Romanze zwischen Dr. Edith Farnsworth und Mies van der Rohe begann, die beiden aber schon ein paar Jahre später vor Gericht standen, weil sie sich beim Hausbau verkracht hatten. Er verklagte sie wegen unbezahlter Rechnungen, sie reichte Gegenklage ein mit der Begründung, er sei inkompetent. Im Sommer sei es im Haus drückend heiss, im Winter seien die deckenhohen Fenster mit Kondenswasser beschlagen. Ausserdem passten Frau Doktor die Möbel nicht, die der Architekt speziell für das Haus entworfen hatte, und auch die Vorhänge seiner Wahl gingen ihr auf die Nerven. Sprachlich ist Leibovitz in ihren Texten sehr nah an der Sache, sie schreibt unverblümt, klar und ohne emotionale Patina. Doch dann verstrickt sie uns wieder in verschlungene Geschichten, die dazu noch quer bebildert sind. So liest man etwa über Lincolns letzte Stunden, sieht im Bild aber das Museum von Elvis Presley und den Fernseher, den er aus Langeweile zertrümmerte. Leibovitz’ Absicht ist reizvoll und auch ehrenvoll: In einer Zeit der Pilgermanie, da alle nach Santiago de Compostela laufen, visualisiert sie Erinnerungen, die abseits ausgetretener Pfade ranken. Doch wenn die Pfade allzu verschlungen sind, kann man ihnen nicht gut folgen. Aus Trotz bleibt man am Wegesrand sitzen. Und das ist schade. Annie Leibovitz: Pilgrimage. Schirmer/Mosel, München 2011. 244 S., ca. 77 Fr. Ein Taubenskelett aus Darwins Sammlung: Annie Leibovitz erzählt mit ihren Bildern Geschichten vom Rand des Weltgeschehens. Foto: Annie Leibovitz (Courtesy Schirmer/Mosel) Annie Leibovitz Die Amerikanerin (62) wurde als Fotografin beim «Rolling Stone» berühmt. Mehrere ihrer Porträts wurden zu Ikonen, etwa das Bild der schwangeren, nackten Demi Moore.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch