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Regengüsse wie Sturzfluten

Italien erlebt verheerende Unwetter. Nun droht der Po über die Ufer zu treten. Turin befürchtet heute Überflutungen. Auch in Neapel wüteten die Wassermassen.

Von Oliver Meiler Der «grosse Fluss», wie die Italiener den Po auch nennen, diese Lebensader im Norden, ist gestern so massiv angeschwollen, dass sie in Turin beschlossen haben, die Schulen und die Universitäten heute geschlossen zu halten. Der Zufluss kleinerer Ströme erhöhte die Gefahr, dass der Po auch in der Hauptstadt des Piemonts mit ihren 900 000 Einwohnern über die Ufer tritt. 70 Patienten eines Spitals mussten vorsorglich evakuiert werden. Die Turiner Zeitung «La Stampa» publizierte zehn Regeln, die zu beachten seien, um sich vor Überschwemmungen zu schützen. Dazu gehörte neben dem Abschalten von Gas und Strom der dringende Rat, Keller und Garagen zu meiden, auf das Auto zu verzichten. Piero Fassino, der Bürgermeister, riet den Turinern davon ab, das Haus überhaupt zu verlassen, wenn es nicht unbedingt nötig sei. Viel deutlicher brauchte er nicht zu werden. Noch waren die dramatischen Bilder aus Genua im benachbarten Ligurien in deutlicher Erinnerung. Bilder von Flutwellen, die plötzlich durch die Gassen der ausserordentlich dicht bebauten Hafenstadt rollten, als wäre es ein Tsunami, Autos durch die Strassen spülten und Menschen in den Tod rissen: vier Frauen und zwei Kinder, alle in derselben Strasse der Stadt, an der Via Fereggiano im Osten Genuas. Das tödliche Schicksal der zwei albanischen Kinder, der achtjährigen Gioia und der knapp einjährigen Janissa, die von ihrer Mutter kurz stehen gelassen wurden und in einem Strom von Schlamm und Wasser verschwanden, erschütterte die Italiener ganz besonders. Auch die Geschichte einer Frau, die am Zeitungsstand ihres Mannes arbeitete, der sich an jenem Tag nicht wohlfühlte, und ebenfalls weggespült wurde. Der Mann, so erzählt es der «Corriere della Sera», will den Stand nie mehr öffnen. Kritik an Bürgermeisterin In Genua hat sich schnell Wut in die Trauer um die Opfer gemischt &endash auf die Bürgermeisterin Marta Vincenzi. Die Meteorologen und der italienische Zivildienst hatten vor den Unwettern gewarnt, die am vergangenen, fatalen Freitag die Region heimsuchten. Trotz der Sturmprognose verzichtete Vincenzi aber darauf, Genuas Schulen schliessen zu lassen. Gestern sagte sie: «Ich werde die Opfer dieses Unglücks für immer auf meinem Gewissen tragen. Doch ich hoffe, dass mit der Zeit klar werden wird, dass diese Unwetter als ‹Naturkatastrophe› hätten klassifiziert werden müssen und nicht nur als ‹Alarmstufe 2›.» Sie gestand also Fehler ein, bezichtigte gleichzeitig aber auch den Zivilschutz einer falschen Prognose. «Im Nachhinein gesehen hätte ich natürlich die ganze Stadt schliessen lassen müssen.» Bausünden und Beton In der Kritik stehen &endash wie so oft in Italien &endash auch die folgenschweren Bausünden und die Zubetonierung von Flussbetten. Genuas Staatsanwaltschaft eröffnete eine Untersuchung gegen unbekannt wegen fahrlässiger Tötung. Doch nicht nur der Norden wurde von den verheerenden Regengüssen heimgesucht. Auch in Neapel gab es ein Todesopfer: Ein Mann wurde von einem Baum erschlagen. Dutzende Neapolitaner waren gefangen in ihren umspülten Autos, als sich die Wassermassen entfesselten. Die Metro musste geschlossen werden. Und völlig unbespielbar war auch der Rasen des Stadio San Paolo: Das Spitzenspiel der höchsten italienischen Fussballliga, SSC Napoli gegen Juventus Turin, musste abgesagt werden. Für einmal ohne Polemik. In Genua verwandelten sich Strassen in wilde Flüsse. Foto: Keystone

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