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Regensdorferin hilft US-Häftling im Todestrakt

Ursula Salzmann fliegt am 14. November nach Florida. Sie setzt sich für den zum Tode verurteilten Kenneth Hartley ein. Seit 18 Jahren wartet er in seiner Zelle.

Von Andreas Frei Regensdorf &endash Seit elf Jahren kämpft die Regensdorferin Ursula Salzmann um Gerechtigkeit im Fall 9108144 der amerikanischen Justiz. Ein Mann beraubte 1993 in Jacksonville, Florida, den 17-jährigen Chef einer Kokainbande, entführte ihn und tötete ihn später mit fünf Schüssen in den Kopf. Das Gericht befand Kenneth Hartley für schuldig. Das Urteil lautete: Todesstrafe für Fall 9108144. Seit nunmehr 18 Jahren sitzt Hartley im Todestrakt von Raiford, Florida &endash einem der grössten Gefängnisse der USA. Kenneth Hartley bestreitet, die Tat begangen zu haben. Doch die Gerichte schenkten ihm kein Gehör. Nur Ursula Salzmann glaubt ihm. Am 14. November fliegt sie wieder nach Florida. Weil in den USA bald «Thanksgiving» ist, kann sie Hartley etwas öfter als nur an den offiziellen Besuchstagen besuchen: an jedem der zusätzlichen Feiertage. Eigene Schicksalsschläge Ursula Salzmann weiss, wie man Schicksalsschläge erträgt. Ein Bruder starb im Alter von 20 Jahren an Krebs, und den ersten Ehemann verlor sie früh wegen einer unheilbaren Krankheit. Geblieben sind ihr Tochter Liliane und Enkelsohn Roman, heute acht Jahre alt. Diese Schicksalsschläge hätten sie für das Unrecht und das harte Los anderer sensibilisiert, sagt sie. Sie begann sich für Menschen einzusetzen, die vom Schicksal nicht verschont wurden. Sie begann bereits 1996, sich für amerikanische Häftlinge einzusetzen: Der erste Brieffreund in einem amerikanischen Todestrakt wurde vor einigen Jahren in Texas exekutiert. Einer Frau in Idaho darf sie zwar schreiben, sie zu besuchen, ist ihr aber untersagt. Die zum Tode Verurteilte sitzt in einer Einzelzelle, ohne Kontakt zur Aussenwelt. Deshalb geniesst Kenneth Hartley seit nunmehr elf Jahren Ursula Salzmanns ungeteilte Aufmerksamkeit. Hartley, der mit sieben Brüdern und sechs Schwestern in tiefster Armut aufgewachsen ist und vom eigenen Vater misshandelt wurde, war schon vor der angeblichen Tat vorbestraft und im Visier der Justiz. Der lange Arm des Gesetzes fand in ihm einen bequemen Schuldigen, ist sich Salzmann sicher. Während der Untersuchungshaft soll Hartley die Tat zwei anderen Häftlingen gestanden haben. Diese erhielten dafür eine Haftverkürzung. Eine Jury aus lauter Weissen verurteilte Hartley schliesslich; der Richter sprach die Todesstrafe aus. Ein Rolle WC-Papier pro Woche Ausser den Aussagen der Zeugen habe es keine Beweise gegeben: keine Waffe, keine DNA-Spuren, nichts. Das sei in den USA so üblich, sagt Salzmann. «Die Verurteilung eines Mörders ist karrierefördernd für Anwälte und Richter.» Sich für einen zum Tode Verurteilten einzusetzen, sei hingegen ein Karrierekiller. Für Hartley erweist sich diese Tatsache seit Jahren als lebensbedrohlich. Wenn sie von den Zuständen in den Gefängnissen der Staaten erzählt, kämpft die Regensdorferin mit den Tränen. «Kenneth erhält nur gerade eine Rolle WC-Papier pro Woche und ein halbes Stück Seife alle 14 Tage.» Die Haftbedingungen seien erbärmlich; von Menschenwürde könne keine Rede sein. Salzmann beklagt sich auch über Hartleys Pflichtverteidiger: «Sein letzter Anwalt tauchte sturzbetrunken zur Verhandlung vor Gericht auf», erzählt sie. «Der Richter schickte ihn zum Teufel, der Fall wurde wieder geschlossen.» Ein Desaster für ihren Schützling, der wieder zurück in den Todestrakt musste. Und auch für Salzmann, die besagtem Anwalt 32 000 Franken aus der eigenen Tasche bezahlt hatte. Auf den Tod warten ist Folter Die 63-Jährige investiert viel von ihrem Ersparten in Kenneth Hartleys Fall. Ihr Geld verdiente sie früher als Technische Kauffrau. Nun ist sie seit knapp einem Jahr arbeitslos und jobbt sporadisch am Flughafen. Im nächsten Mai wird sie pensioniert. Ihr eigenes Leben bereite ihr keine Sorgen. «Ich habe genug zum Leben», sagt sie. Gerade wurde in Florida ein 61-jähriger Mann exekutiert. 33 Jahre nach seiner Verurteilung. Die schlimmste Zeit sei vor der Hinrichtung, sagt Salzmann. «Dann wird man im Death House alle 15 Minuten kontrolliert, das ist Folter.» Der Staat müsse ein Vorbild sein. In den USA sehe man im Fernsehen ständig Krieg und Exekutionen. Schon früh werde einem beigebracht: Töten ist okay.» Salzmann ist nicht gegen gerechte Strafen. «Jeder Mensch muss die Verantwortung für seine eigenen Taten übernehmen. Rechenschaft muss sein und lebenslange Verwahrung ist gut, aber Töten darf man nicht &endash auch der Staat nicht.» Kenneth Hartley mit Ursula Salzmann und ihrem Bruder im Gefängnis. Foto: PD

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