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Reif, nicht aber gross geworden

Eine ansprechende WM zeigte zwar noch Defizite, doch in erster Linie Perspektiven auf. Deshalb sind die Träume der Zürcher Beachvolleyballerin Muriel Grässli längst nicht mehr auf Sand gebaut.

Von Deborah Bucher Unter optimaler Abstimmung versteht man etwas anderes als das Zusammenspiel zwischen Muriel Grässli und Tanja Goricanec. Die aufstrebenden Kräfte aus dem Schweizer Nationalteam, die sich im langen Schatten von Simone Kuhn/Nadine Zumkehr als Nummer 2 etablierten, ergänzen sich auf dem Feld nicht. Beide messen sie nur 1,76 m. Das sind ziemlich ungeeignete Voraussetzungen, um sich am Block als Turm postieren zu können. Stattdessen häufen sich die individuellen Stärken des Duos in der Verteidigungsarbeit an. Es fehlt an Grösse. «An ein paar entscheidenden Zentimetern Körpergrösse», präzisiert Grässli. Deshalb wird die in der zweiten Saison bestehende Partnerschaft zwischen der 24-jährigen Oberländerin aus Fehraltorf und Goricanec (21) bei jeder Gelegenheit einer Neukonstellation überprüft. Momentan spricht alles für das Tandem, für das gelungene Experiment, die körperlichen Nachteile mit taktischem Spiel aufzuwiegen. «Denn davon abgesehen mangelt es uns an nichts», beteuert Grässli. Nicht am Selbstvertrauen, weder am gemeinsamen Erfolg noch an der Spiellust und auch nicht an zwischenmenschlicher Harmonie. Wanderjahre hinter sich Einen solch unbekümmerten Eindruck machte die Elite-Landesmeisterin von 2007 lange nicht mehr. Romana Kayser, Gracie Santana-Bäni, Nadia Erni, Nadine Zumkehr und Tanja Guerra-Schmocker: alles Namen, die sich in die lange Liste ihrer stetig wechselnden Teamgefährtinnen eingereiht haben. Die Zürcherin will die vielen Trennungen nicht überbewerten. Sie räumt aber ein, dass es zuletzt mit Guerra «neben dem Feld einfach nicht gepasst hat». Mit der Tessinerin, die auch den kanadischen Pass besitzt, hat sie nun eine Spielerin an ihrer Seite, die den ruhenden Gegenpol zu ihrem Temperament bildet. «Sie ist ausgeglichen, für ihr Alter erstaunlich abgeklärt, fokussiert und selbstkritisch», äusserst sich Grässli über Goricanec. Diese hält sich an die beinahe schon philosophischen These, «dass Unzufriedenheit der Anfang für den Erfolg ist». Am Beginn der positiven Entwicklung von Grässli/Goricanec steht ebenso das Talent, das den zwei in die Wiege gelegt wurde und nun am Leistungszentrum in Bern gezielt geschmiedet wird. Die Einrichtung besteht seit drei Jahren und ist der Grund, weshalb Grässli den Lebensmittelpunkt in die Bundeshauptstadt verlagerte. «Ein solches Förderprojekt hat es in der Schweiz noch gebraucht. Die Teams, die diese Schule durchlaufen, haben sich an der nationalen Spitze festgesetzt. Durch das Wintertraining sind wir der Konkurrenz in der Athletik einen Schritt voraus und strahlen mehr Sicherheit aus», findet die Zweite der U-20-EM 2006. Neben dem Profisport absolviert die einstige Hallenspielerin bei der NLA-Equipe Volério Zürich ein kombiniertes Fernstudium in Betriebsökonomie an der Fernfachhochschule Schweiz. Dank der kürzlichen Aufnahme ins Programm «Golden Talents», die ihr einen Unterstützungsbeitrag von 1000 Franken pro Monat einträgt, bezieht sie erstmals in ihrem Leben einen fixen Lohn. Steigerungspotenzial vor sich Unentgeltlich und gleichwohl von undefinierbarem Wert war die Entschädigung, die Grässli/Goricanec an ihrer ersten gemeinsamen WM in Rom zustand. An Position 42 noch knapp in Feld mit 48 Teams gerutscht, ermöglichten sie sich mit unerschrockenen Auftritten vier Spiele auf hochstehendem internationalen Niveau und durften sich über Rang 17 «extrem freuen» (Grässli). Damit bestätigten sie ausgerechnet an jener Stätte, wo allen anderen Schweizer Paarungen starke Leistungen vergönnt geblieben sind, die Fortschritte aus ihrem Anfangsjahr. «Wir nehmen aus dem Turnier nebst positiven Erinnerungen Schwung und Verbesserungsansätze mit», sagt Grässli. Sie verweist auf die Konstanz beim Sideout-Spiel, die sich steigern muss, auf eine geringere Fehlerquote und auf mehr Variantenreichtum. «Ein- bis zweimal pro Satz können die Gegnerinnen uns noch ‹lesen› und entsprechend antizipieren.» In Illichiwsk (Ukr), wo die beiden seit Donnerstag am Continental Cup im Einsatz stehen, möchten sie ihren Reifeprozess nathlos fortsetzen. Gegen die serbische und polnische Konkurrenz blieben sie bislang in vier Spielen ohne Satzverlust. Anschliessend möchten sie auf den World-Tour-Stationen in Stavanger (No) und Gstaad weitere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. «Ich mag es, Grenzen auszuloten. Doch bislang haben wir beide noch nicht rausgefunden, wo diese in unserem Spiel liegen könnten», lautet die vielsagende Erkenntnis Grässlis. Muriel Grässli: Überragend in Form, dafür muss sie sich etwas mehr strecken. Foto: EQ

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