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Routiniert spielen seine Zombies ihre altbösen Spielchen

Bret Easton Ellis lässt im Roman «Imperial Bedrooms» die Dämonen von «Unter Null» nochmals los.

Von Martin Halter «Less than Zero», Bret Easton Ellis’ erster Roman um eine Clique verdorbener Collegeschüler, die sich mit Snuff-Pornos und Drogen zudröhnten, war 1985 Kultbuch der «Generation Zero», das Gründungsmanifest der Popliteratur. Die Litanei der Werbeplakate und Markenklamotten, der coole Soundtrack der Postmoderne, die provozierende Verbindung von Glamour und Gewalt, Langeweile und Verbrechen, erzählt im unterkühlten Tonfall abgestumpfter Monster, machte Schule; Michel Houellebecq etwa oder Christian Kracht wären undenkbar ohne «Unter Null». Später hat sich Ellis dann noch weiter in die dunklen Abgründe der Konsumgesellschaft und seines Autoren-Ichs vorgewagt: In «Lunar Park» verfolgte sein Dämon, Yuppie-Serienkiller Patrick Bateman aus «American Psycho», seinen Schöpfer bis in seine Albträume. Clean, aber nicht klüger Jetzt, ein Vierteljahrhundert nach «Unter Null», hat Ellis die bösen Geister seiner Jugend im College von Camden noch einmal beschworen. Die wohlstandsverwahrlosten Zöglinge sind erwachsen, die Junkies clean geworden, aber keinen Deut klüger oder besser. Im Gegenteil: Aus den Opfern sind Täter, aus apathischen Zuschauern Mitspieler und Filmproduzenten geworden. Julian etwa, der einst seine Drogenschulden mit Stricherdiensten bezahlte, leitet heute selber einen Escort-Service mit Teenagern aus der Provinz, die für ihre Hollywoodkarriere alles tun. Clay, damals wie heute der Erzähler, kann als gefeierter Drehbuchautor Sex gegen Rollenangebote tauschen. Blair, die Freundin, die er einst so brutal fallen liess, hat sich an der Seite eines schwulen Schwachkopfs von Demütigung und Trauer leidlich erholt. Die schlimmste Metamorphose hat wohl Rip, der drogensüchtige Dealer, durchgemacht: Entstellt durch missglückte Faceliftings, ist der «wandelnde Horrorfilm» ganz der Alte, ein skrupelloser Psychopath. Diffuse Paranoia «Imperial Bedrooms» – der Verlag liess glücklicherweise von seinem Plan ab, den Elvis-Costello-Song unter dem Titel «Königliche Schlafgemächer» einzudeutschen – erzählt das Klassentreffen der Clique zeit- und standesgemäss als modernen Film noir. Mit ominösen Orakeln, chandleresk pointierten Dialogen und lakonisch nüchternen, durch endlose «Und»-Ketten verbundenen Sätzen schafft Ellis eine Atmosphäre diffuser Paranoia. Clay, eben aus New York nach Los Angeles zurückgekehrt, erhält ständig beunruhigende SMS-Botschaften, Anrufe und ungebetenen Besuch in seinem Apartment. Nachts verfolgen ihn dunkle Limousinen, tagsüber wohlmeinende «Freunde» mit versteckten Drohungen. Aber der Co-Produzent von «The Listeners» kann und will nicht hören. Eingekapselt in sein Ego und seine Albträume, berauscht von Champagner, Wachmachern und seiner Macht, stürzt er sich ins Getümmel der Premierenpartys, Castings und Clubs. Natürlich weiss er, dass Rain, das schöne, zwielichtige Starlet, dessentwegen er seine Sonnenbrille gelegentlich abnimmt (und sogar die eine oder andere Träne wegwischt), ihn nur als Krückstock auf dem Weg nach oben benutzt; aber wie bei Raymond Chandler kocht die Femme fatale den hartgesottenen Kerl mit Sex und einstudiertem Charme weich. Mordserie im Filmmilieu Clay belügt und betrügt sich nicht nur selber: Er ist auch ein unzuverlässiger Erzähler. Bis zuletzt bleibt im Dunkeln, welche Rolle der Drehbuchautor bei der Mordserie im Filmmilieu spielt, die den Plot vorantreibt. Sicher ist nur, dass er die Kontrolle über den Handel mit Illusionen verloren hat. «Die Ausblendungen, die Überblendungen, die umgeschriebenen Szenen, all das, was man wegwischt», heisst der letzte Satz des Romans, «jetzt würde ich das gerne erklären, aber ich weiss, dass ich es nie tun werde, weil das Wichtigste dieses eine ist: Ich habe nie jemanden gemocht, und ich habe Angst vor allen.» «Imperial Bedrooms» ist ein durchaus spannender Hollywoodthriller, aber das verworrene Komplott lässt den Leser so kalt wie die bröckelnden Fassaden. Nicht nur, weil selbst die abgründigeren Figuren eindimensional versiegelte und verspiegelte Oberfläche bleiben. Das Drehen an der metafiktionalen Schraube («der Autor» versteckt sich gern hinter seinem «sprachlosen Zombie» Clay), die kalkulierten Schocks (die bestialische Vergewaltigung einer Schauspielerin übertrifft selbst die Gräuel von «American Psycho») hinterlassen ein schales Gefühl, und dass der Westküsten-Bateman Clay wie ein Teenager unter Liebeskummer leiden könnte, nimmt man ihm nie recht ab. «Du hattest deinen Kick», sagt Rip, «wo ist also das Problem?» Remake überholter Posen Das Problem liegt darin, dass der Roman zu spät kommt. 1985 traf Ellis mit seinen amoralischen, gefühlskalten Nihilisten den Nerv der Zeit. Heute haben sie ihre selbstzerstörerische Energie, ihren verzweifelten Elan, ihre unterdrückte Sehnsucht verloren: «Romantische Liebe» ist das Schlimmste, was sie sich vorstellen können. Ellis lässt die Dämonen der Achtziger aus ihren Gräbern auferstehen, um sie, ausgestattet mit iPhones, BMW-Cabrios, Fitnessgurus, Psychiatern und anderen Gimmicks der Gegenwart, noch einmal auf die Piste zu schicken. Aber es sind nur leblose Roboter, gespenstische Zombies, die in den neuen Kulissen routiniert ihre altbösen Spielchen spielen. Ellis’ Drehbuch reicht nicht mehr für grosses Kino, sondern bloss noch für ein Remake überholter Posen und Positionen, für flackernde Bilder und fade Überblendungen. Wir schauen ungerührt zu, wie tief Menschen sinken können, die ihre Seele an Hollywood verkauft haben, wie Masken ins Groteske verrutschen, Neurosen und Unheil sich zusammenbrauen. Aber der grosse Knall bleibt aus. Es gibt keine Entwicklung, keinen Anflug von Besinnung und natürlich auch keine Hoffnung auf Erlösung von Isolation, Misstrauen und Angst. In 25 Jahren, wenn der ewige «Party-Boy» vermutlich in den weniger imperialen Bettgemächern des Pflegeheims verdämmert, könnte das Wiedersehen mit seiner Clique vielleicht mehr Neugier, Furcht und Mitleid erregen. Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms. Roman. Aus dem Englischen von Sabine Hedinger. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 215 S., ca. 32 Fr. Bret Easton Ellis liest am 8. Oktober im Zürcher Kaufleuten. Moderation: Daniel Binswanger, «Das Magazin». Die kalten Nihilisten von damals haben ihren verzweifelten Elan, ihre unterdrückte Sehnsucht verloren. Erschöpft von den eigenen Albträumen? Bret Easton Ellis in einem gar nicht königlichen Gemach. Foto: Patrick Fraser (Corbis Outline)

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