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Samariter brauchen Blutauffrischung

Viele Samaritervereine kämpfen ums Überleben, weil ihnen der Nachwuchs fehlt. Dabei hätten sie Arbeit in Hülle und Fülle.

Von Helene Arnet Zürich &endash Mehrere Jahre hat der Samariterverein Dietikon ums Überleben gekämpft. Jetzt vermeldet die Homepage: «Der Verein befindet sich in Liquidation und hat alle Aktivitäten eingestellt.» Bereits früher hat sich der Samariterverein Schlieren aufgelöst, auch jener von Uitikon. Die Vereine von Illnau und Effretikon haben fusioniert, um zu überleben. Und in den Regionalzeitungen liest man Hilferufe der Samariter aus Fällanden und aus weiteren Gemeinden. Ende 2008 waren beim Kantonalverband 127 Vereine mit 3553 Aktivmitglieder vermeldet, 2010 waren es noch 122 Vereine mit 3371 Aktiven. Doch wehrt sich der Verbandsvorstand gegen einen Abgesang auf die 1918 gegründete gemeinnützige Organisation. «Wir haben zwar ein Nachwuchsproblem, aber immer noch viele engagierte Mitglieder, die sich mit Leib und Seele in ihren Vereinen einsetzen», sagt Vizepräsidentin Anita Tenhagen. Das Hobby zum Beruf machen Samstagmorgen, im Werkhof Effretikon. Ein Dutzend Frauen und zwei Männer schminken sich. Sie machen sich nicht schön, sondern malen sich täuschend echt aussehende Wunden auf. Ein Schussloch, eine Schnittwunde, Schürfungen. Sie absolvieren einen Moulage-Kurs, in dem sie lernen, Unfallsituationen richtig einzuschätzen. Kursleiterin Vreni Reh gehört zu jenen unermüdlichen guten Geistern, ohne die die Samaritervereine nicht auskommen. «Ich habe das Hobby zum Beruf gemacht», sagt sie. 1967 besuchte sie einen Samariterkurs, nachdem ihr neugeborenes Kind sich beim Stillen so verschluckt hatte, dass es beinahe erstickte. «Ich war völlig hilflos und wusste nicht, wie ich reagieren soll. Das wollte ich nicht noch mal erleben.» Sie nutzte das Angebot des Verbands, sich weiterzubilden, und ist mittlerweile als Erwachsenenbildnerin im Bereich Erste Hilfe tätig. «Die Samariter stehen nicht nur Posten, wir bieten ihnen auch Karrieremöglichkeiten», sagt Anita Tenhagen. «Für die sie nichts bezahlen müssen.» Ein Samariter sollte einmal pro Monat eine Übung besuchen und sich gelegentlich für Postendienste zur Verfügung stellen. «Das aber liegt bei den heutigen jungen Leuten oft schon nicht mehr drin», bedauert Tenhagen. So kommt es zuweilen zu Engpässen, denn Aufträge gibt es mehr als genug. Wo Samariter fehlen, kann das die Ortsvereine teuer zu stehen kommen, weil sie für ihre Veranstaltungen das vorgeschriebene Erste-Hilfe-Angebot anderswo einkaufen müssen. Die Samaritervereine kommen kleinen Vereinen preislich oft entgegen, und die Samariter selbst arbeiten gratis oder zu einem kleinen Stundenlohn von fünf bis zehn Franken. Ein Generationenproblem Samstagabend, Sportanlage Erlen in Dielsdorf. Es spielt der Eissportverein Dielsdorf-Niederhasli (EVDN). 2. Liga Ost. An der Bande steht Thomas Loosli in der leuchtend gelben Samariter-Weste. Der 43-jährige Lastwagenchauffeur ist Materialwart beim Samariterverein Dielsdorf. 870 Mannstunden und 177 Patienten hat der Verein mit seinen 32 Mitgliedern und einigen zugezogenen Samaritern dieses Jahr geleistet. Oft stand auch Loosli Posten. Trotz Rückenproblemen. Er sagt: «Viele Samaritervereine sind überaltert.» Es brauche heute eben mehr Energie und Zeit, um junge Mitglieder zu finden, als früher. Anita Tenhagen bestätigt Looslis Analyse. «Es gibt ein Generationenproblem.» Gelinge es einem Verein, ein, zwei Junge zu gewinnen, sei die Chance gut, dass weitere nachkommen. Hierbei spüren die Samariter die Konkurrenz bei den Nothelferkursen schmerzlich. Während diese früher fest in ihrer Hand waren, bieten heute vorab Fahrlehrer eigene Kurse an. «Dort konnten wir junge Leute für unsere Sache begeistern.»Noch etwas macht den Samaritern das Leben schwer: Die gewachsene, föderalistische Struktur macht es manchmal fast unmöglich, schnell genügend Leute für einen Postendienst aufzubieten. Deshalb hat der Kantonalverband dieses Jahr den Versuch gestartet, einen Pool von 200 Samaritern bereitzustellen, die schnell abrufbar sind. «Nicht als Konkurrenz zu den Vereinen», betont Tenhagen. «Sondern als Hilfeleistung.» Pause in der Erlen. Esther Utzinger, Jennifer Steinacher und Patrizia Larissa Buff haben sich eine Wurst vom Grill geholt. Sie gehören zu den Hoffnungsträgerinnen des Verbands. Patrizia ist erst 17, macht eine Ausbildung als Malerin. «Ich bin hier mit Leuten aus dem Dorf zusammen und bekomme eine gute Ausbildung in Erster Hilfe», sagt sie. Die 29-jährige Bäckerin Esther Utzinger ist nicht nur Samariterin, sondern auch Fan des EVDN. Sie will demnächst die Ausbildung zur Kursleiterin absolvieren, zurzeit aber fiebert sie an der Bande mit. Die Einheimischen führen. Die 19-jährige angehende Optikerin Jennifer zieht die Kappe tiefer über die Ohren, streift Wollhandschuhe über und sagt: «Mir macht das Postenstehen Spass. Ich treffe Leute und kann manchmal auch mein Erste-Hilfe-Wissen anwenden.» Wie Ärzte unter Schweigepflicht Prompt bleibt ein Spieler an der Bande hinten liegen. Blitzschnell sind die Samariterinnen auf dem Eis. «Ist nichts», sagt der alte Hase Thomas Loosli. «Der steht gleich wieder auf. Vielleicht eine aufgesprungene Lippe.» Er habe hier schon ausgekugelte Schultern oder Nasenbeinbrüche erlebt. Dann gelte es, einen kühlen Kopf zu bewahren und alles Notwendige zu tun, bis die Ambulanz eintreffe. Samariter unterstehen der ärztlichen Schweigepflicht, dürfen aber keine Spritzen setzen und lediglich rezeptfreie Schmerzmittel abgeben. Manchmal braucht es nicht einmal das. Anita Tenhagen erinnert sich an ein kleines Mädchen, das zu ihr an den Posten kam und über Bauchweh klagte. Genaueres Nachfragen zeigte ihr, wo es wirklich schmerzt: Das Mädchen fühlte sich einsam, weil seine Mutter nicht mit an die Theateraufführung kam, an welcher es mitwirkte. «Ich nahm das Kind in den Arm und tröstete es.» Auch das kann Erste Hilfe sein. Frauen malen sich Schusswunden auf die Haut: Samariter-Übung im Werkhof von Effretikon. Foto: Reto Oeschger

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