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«Satire wirkt nur im Mikrokosmos»

Der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer schätzt die direkte Demokratie in der Schweiz. Seine Schweiz-Tournee beginnt er am Sonntag mit einem Auftritt bei «Giacobbo/Müller».

Mit Alfred Dorfer sprachChristian Andiel Herr Dorfer, warum tritt einösterreichischer Kabarettistin der Schweiz auf? Warum denn nicht? Es sind zwei benachbarte Länder, in denen ungefähr die gleiche Sprache gesprochen wird. Sie sind aber ein sehr stark politisch orientierter Kabarettist. Versteht man im Ausland Ihre Anspielungen auf die österreichische Politik? So weit wird es gar nicht kommen. Wenn ich in der Schweiz oder in Deutschland bin, versuche ich, die dortigen Verhältnisse einzubeziehen. Wie beurteilen Sie die Schweizer Politik? Es ist interessant, wie viel Autonomie jeder Kanton hat. Und es beeindruckt mich, welch viel höheres Mass an direkter Demokratie es in der Schweiz gibt. Wie beeindruckt sind Sie von den Resultaten der Abstimmungen? Da muss ich jetzt erst einmal fragen: Wie ist diese Waffeninitiative ausgegangen? Die Schweizer dürfen ihre Gewehre weiterhin daheim haben. Ausgezeichnet! (Er lacht) Die Welt wird ja immer gefährlicher … Man muss aber auch sehen, dass manche Abstimmungsresultate vielleicht zu kurz interpretiert wurden. Nehmen Sie dieses Islam-Volksbegehren, wie ich die Minarettinitiative nenne: Da wurde den Schweizern kollektiv eine rechtsnationale Gesinnung umgehängt, ohne nachzufragen, wer initiiert hat, wie die Resultate im Detail aussehen. Welche Details zum Beispiel? Zum Beispiel war der Anteil an Frauen bei den Befürwortern sehr hoch. Also besteht da offenbar ein Unbehagen, und dieses Unbehagen muss man erst einmal ernst nehmen, statt dass man sich arrogant darüber hinwegsetzt. In einem Gespräch mit Armin Thurnher, dem Chefredaktor des Wiener Magazins «Falter»,sprechen Sie beide davon, dass die Schweizer einen «Reflex zurFreiheit» haben, dass ihnen die «Untertanenmentalität» fehle. Das hat meiner Meinung nach damit zu tun, dass die Schweiz nie von einer fremden Macht besetzt war, und mit der bereits angesprochenen Autonomie der Regionen, dieses kleinteilige System. Das ist ganz anders als in Österreich. Mein Eindruck ist, dass Satire in Österreich härter ist als in der Schweiz, die Kabarettisten frecher sind. Ist das nicht ein Widerspruch zur ausgeprägteren Untertanenmentalität? Nein, denn das hat damit zu tun, dass man in Österreich sehr gerne die Meinung und die Haltung gewissen Repräsentanten überträgt, das sogenannte Klassensprecher-Phänomen. Der Untertan braucht eben jemanden, der die Meinungen und Kritik fokussiert, sie an die Öffentlichkeit bringt – und diese Person argumentiert natürlich zugespitzter. Nach der Naturkatastrophe in Japan wurde die Satiresendung «Giacobbo/Müller» ausgesetzt. Sie selbst hatten bis vergangenen Dezember die monatliche Satiresendung«Donnerstalk» im ORF. Wäre eine ähnliche Entscheidung für Siedenkbar gewesen? Diese Entscheidung liegt ja immer beim Sender, ich hätte sie gar nicht treffen können. Es ist schon eine zweischneidige Sache: Einerseits kann man sich angesichts einer solchen überwältigenden Katastrophe fragen: Sollte man satirisch so tun, als sei gar nichts geschehen? Sollte man gar satirisch darauf eingehen? Dann stellt sich sofort die nächste Frage: Ist ein solches Thema satirisch überhaupt zu bewältigen? Satire muss nicht nur unterhalten. Das ist richtig, Unterhaltung ist nur ein Mittel der Satire. Deshalb habe ich von der Zweischneidigkeit gesprochen: Man müsste sich zumindest überlegen, ob man nicht eine ganz spezielle Sendung machen müsste. In der könnte man dann zumBeispiel Reaktionen von Politikern kritisch durchleuchten, sich – im konkreten Fall – über die Atomkraft Gedanken machen. Ich würde eher zu dieser Lösung tendieren, aber das ist nun gewiss keine Kritik an den Schweizer Kollegen. Sie haben mit «Donnerstalk» nach sieben Jahren aufgehört. Zu viel Gegenwind vom Sender? Nein, man muss sich nach sieben Jahren schlicht die Frage stellen, ob man noch die richtige Person für dieses Format ist. Einerseits für sein eigenes Spiegelbild, andererseits für die Aussendarstellung. Deshalb habe ich diese Pause eingelegt, um die Frage erst einmal für mich selbst zu klären. Die Entscheidung, ob und wie es weitergeht, fällt im Sommer. Sind die TV-Auftritte Werbung für Ihr Bühnenprogramm, oderwerden dort auch neue Formateausprobiert? Weder noch, «Donnerstalk» war ein staatsbürgerliches Anliegen von mir, eine Art persönliches Volksbegehren. Es sollte in diesem öffentlichen Rahmen auch eine andere Perspektive sichtbar werden, quasi eine Gegenbewegung. Im Sinne der Aufklärung? Der Begriff ist mir zu abgewetzt. Sagen wir so: persönliche politische Arbeit und Erwachsenenbildung (er lacht). Welche Zensur geben Sie sich selbst als Erwachsenenbildner? Sie meinen die klassische Frage: Was kann Satire bewirken? Diese Frage sollte umgangenwerden, weil sie schon hundertmal gestellt wurde . . . . . . dann tun wir so, als wäre sie nicht gestellt worden. Also: Satire kann immer etwas bewirken, aber nur im Mikrokosmos. Die Menschen gehen nicht wegen einer satirischen TV-Sendung auf die Strasse und ändern das politische System oder es werden alle Atomkraftwerke abgestellt. Das zu erwarten oder uns daran zu messen, wäre Unsinn. Aber wir können im Mikrokosmos, also im Denken einzelner Menschen, durchaus etwas ändern. Das war mein Anspruch. Spricht man mit Schweizern über Österreich, fällt eine Aussage immer wieder: «Wenn ich in Österreich bin, empfinde ich mich ganz schnell als korrekter, aufrichtiger, braver Mensch.» Das höre ich jetzt zum ersten Mal … Also entweder ist Österreich für die Schweizer dann etwas nicht so Braves, nicht so Korrektes, nicht so Aufrichtiges (lacht). Oder dieses Gefühl wird mit dem Gefühl der Langeweile gleichgesetzt, und zumindest das habe ich bei meinen Besuchen in der Schweiz nie so erlebt. Kann es sein, dass es damit zusammenhängt, dass man Österreichern immer etwas Morbides unterstellt? Das macht sie geheimnisvoll. Das ist aber ein ostösterreichisches Phänomen. Wien war ja nie eine deutschsprachige Stadt, es war immer ein Schmelztiegel der verschiedenen Kulturen. Der Umgang mit widrigen Lebensverhältnissen sollte mit Humor gemeistert werden, mit schwarzem Humor. Gepaart mit der dunklen slawischen Seele. In Vorarlberg und Tirol sieht das aber ganz anders aus. Alfred Dorfer in der Schweiz: Sonntag 10. 4. bei «Giacobbo/Müller»; 11. 4. im Fauteuil, Basel; 12. 4. im Kleintheater Luzern; 13. und 14. 4. im Casinotheater Winterthur. Alfred Dorfer, 49: «Der Untertan braucht jemanden, der die Kritik an die Öffentlichkeit bringt.» Foto: Marco Prenninger Dorfer: Video eines AuftrittsiPhone: Tagi-App auf TA+Mobile: SMS mit Text Plus an 4488

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