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Schlampige Eisenleger in Uster

Die Ursache für den Balkonabbruch ist bekannt: Die Eisenleger haben 1972 ein Armierungsnetz vergessen und das andere verkehrt eingebaut. Weil alles verjährt ist, hofft das Heim auf Goodwill des Baumeisters.

Von Ruedi Baumann Uster – Vielen ist in Uster ein Stein vom Herzen gefallen, nachdem die Empa Dübendorf ihren Prüfbericht veröffentlicht hatte. Der Ende Dezember in der Alterssiedlung Kreuz abgebrochene Laubengang ist ein Einzelfall. Für Stadtpräsident Martin Bornhauser heisst das: Die in den Siebzigerjahren vom gleichen Baumeister erstellten Gebäude müssen ebenso wenig saniert werden wie die übrigen Balkone in der Alterssiedlung. Der Prüfbericht zeigt: Der Laubengang im dritten Stock hätte schon viel früher abbrechen können. Dass es in der Nacht geschah, ohne dass Leute zu Schaden kamen, war reiner Zufall. «Darüber sind wir sehr froh», sagte gestern Stadtpräsident Bornhauser. Die Armierungseisen, die den freischwebenden Balkon mit den Wohnungen verbinden, waren 8,5-mal zu schwach dimensioniert. Zu früh ins Weekend gegangen? Die Eisenleger haben beim Bau dieses Balkons im Jahr 1972 gewaltig gepfuscht. Gemäss Plänen des Ingenieurs hätten sie zwei Armierungsnetze einbauen müssen. Sieben Millimeter dicke Eisen im Abstand von 15 Zentimetern übernehmen die Zugbelastung (siehe Grafik rechts). Für die Belastung auf Druck ist der Beton zuständig. Doch statt zweier Netze wurde nur eines eingebaut. Und dieses war von seiner Dimension her erst noch um 90 Grad verkehrt. Die für die Zugbelastung wichtigen Stäbe waren bloss 4,5 Millimeter dick und hatten einen zu grossen Abstand von 25 Zentimetern. Die dickeren 7-Millimeter-Stäbe dagegen wurden um 90 Grad verkehrt parallel zur Hauswand verlegt. «Jeder Hilfsarbeiter hätte das sehen müssen», sagte gestern Hans Kocher, Präsident der Genossenschaft Kreuz und selber Architekt. Baumeister 1972 war Peter Ott, Inhaber des grossen Ustermer Baugeschäfts. Die Eisenleger waren als Akkordanten angestellt. «Ich habe keine Ahnung mehr, wer damals mitgearbeitet hat», sagt Ott. Deshalb kann heute nur spekuliert werden. «Vielleicht wollten die Eisenleger Feierabend machen oder ins Wochenende», vermutet Kocher. Doch den Eisenlegern allein kann der Schwarze Peter nicht zugeschoben werden. Maurer, Polier und auch der Bauingenieur hätten den Fehler auf einen Blick erkennen müssen. «Heute muss der Bauingenieur ein Protokoll unterschreiben, dass er die Eisen kontrolliert hat», sagt Kocher. «Früher machte man das noch mündlich.»Die übrigen Balkone wurden von einer externen Firma geröntgt. Ergebnis: Die Armierungsnetze entsprechen den Plänen. Die Empa hat auch Betonqualität, Salzgehalt im Beton und die Rosttiefe in den Eisen geprüft. Fazit: Eine Beeinträchtigung der Tragfähigkeit durch Korrosion könne ausgeschlossen werden. Die Qualität des Betons halte sogar heutigen Normen stand. Das Gerücht, dass auf den Balkonen gesalzen wurde, trifft nicht zu. Erleichtert war insbesondere auch Bauingenieur Markus Buchmann. Er ist Nach-Nachfolger des damaligen Bauingenieurbüros Ernst Wädensweiler, welches den Balkon gerechnet hatte – vor allem aber auch für die Konstruktion des 1985 eingestürzten Hallenbaddachs in Uster verantwortlich war. Gemäss Empa war der Balkon korrekt dimensioniert. Zahlt der Baumeister freiwillig? Weniger gut ging es gestern Baumeister Peter Ott, der 1972 direkt involviert war. Die Genossenschaft, die günstigen Wohnraum anbieten möchte, muss nun einen Schaden von mehreren 100 000 Franken verkraften. Baufehler sind längst verjährt, Schadenersatzzahlungen gibt es keine. Laut Verwalterin Karin Graf gibt es unter den Genossenschaftern und Bewohnern aber «die grosse Hoffnung, dass das Baugeschäft Ott uns freiwillig etwas entgegenkommt». Peter Ott sagte auf Anfrage: «Ich bin selber Mitglied der Genossenschaft und spüre eine gewisse Verpflichtung. Für ein Entgegenkommen ist es aber noch zu früh.» Die Ende Dezember abgebrochene Laube in der Alterssiedlung Kreuz.Foto: Keystone

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