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Sport und Musik

Stadtgeschichte Miklós Gimes Den guten Amerikaner erkennt man an seiner Lebensfreude, seiner Bescheidenheit, dem Realitätssinn, dem aufrechten Wesen, der Kindlichkeit. Der gute Amerikaner ist ein Kerl wie Joe, der Fussballtrainer meiner Buben beim FC Wollishofen, geboren in einem Vorort von Chicago, «der Stadt der breiten Schultern», wie der Dichter Carl Sandburg geschrieben hat. Mit Joe ins Gespräch gekommen bin ich vor einem Jahr an einem Hallenturnier in Regensdorf. Er ist ein gut aussehender, kräftiger Mann um die sechzig, dichtes Haar, Sommersprossen, fröhlicher Blick, wir standen auf der Zuschauerrampe und schauten hinunter auf die Knirpse, die verloren in der riesigen Halle herumrannten, angetrieben von den Zurufen der Eltern, man spürte den Atem der ehrgeizigen Väter. «In diesem Alter müssen sie Fun haben», hatte Joe gesagt und gelächelt, «das Resultat ist nicht so wichtig.»Später erzählte Joe, dass er bis zur Pensionierung fast dreissig Jahre lang im Tonhalle-Orchester erste Posaune gespielt habe. «Ich vermisse die Musik», sagte er etwas traurig, «es ist ein wunderbares Gefühl, wenn man sich in ein Stück von Brahms oder Bartók hineinarbeitet.» Joe ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, «mein Vater war Versicherungsvertreter; er verkaufte auch Parkettböden, alles Mögliche, aber die Mutter spielte Klavier und wollte, dass wir ein Instrument lernten. Musik, hat sie gesagt, sei so wichtig wie Rechnen und Lesen.» Joe spielte an der Oper von Chicago, später kam er nach Europa, um die Welt zu sehen; als er zum Vorspielen nach Zürich reiste, wusste er nur, dass die Konkurrenz hart sein würde. «Ich hatte Glück», sagt Joe, aber es sei im Orchester wie beim Sport – die Kunst sei es, seine Leistung auf hohem Niveau zu halten, «die Komponisten haben manchmal ziemlich abenteuerliche Sachen geschrieben, grossartige Musik, aber so schwierig, dass du beginnst, Fehler zu machen. Und dann wird der Druck sehr gross.» Manchmal habe er sich überlegt zurückzugehen, erzählt Joe, aber ein Tonhalle-Orchester verlasse man nicht einfach so. Er heiratete eine reizende Amerikanerin, liess sich in Wollishofen nieder, brachte seinen Jüngsten zum Fussball, und irgendwann wurde er vom FC Wollishofen gefragt, ob er nicht die ganz Kleinen trainieren wolle. «Ich hätte einen guten Draht zu Kindern, meinten sie.» Er habe zugesagt, obwohl er in seiner Jugend eigentlich Baseball gespielt habe. Beim Training rede er so wenig wie möglich, sagt er, sonst würde er die Kinder nur stören, «Gott sei Dank ist mein Deutsch so schwach.» Er lässt sie rennen und spielen, die Kinder lernten viel voneinander, sagt er, in letzter Zeit studiere er daran herum, mit Musik zu arbeiten, wie die Trainer in den USA beim Basketball. So ist Joe in Wollishofen eine Berühmtheit geworden, «hey Joe», rufen die Kinder, wenn sie ihn sehen, und seine Frau sagt: «Joe spielt die ganze Zeit, ob Posaune, Klavier, Steeldrums oder Fussball. In seinem Kopf ist er immer noch ein Kind.» miklos.gimes@tages-anzeiger.ch, Stadtgeschichten.Tagesanzeiger.ch

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