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Stiche, die fürs Leben sitzen «Das Lasern ist schmerzhafter»

Etwa 25 Tattoos pro Monat sticht Sven Winzeler in seinem Studio in Thalwil, davon kann er leben. Manchmal ist er gezwungen, Grenzen zu setzen.

Dermatologin Von Rahel Urech Thalwil – Mit einem sirrenden Geräusch bohrt sich die Tätowiernadel in Claudia Willis Rücken. Es entsteht eine schwarze Linie, fünf Zacken. Die Haut rundherum schwillt an, wird rot, ein wenig Blut tritt aus. «Au», sagt Willi. «Das fühlt sich an wie epilieren zwischen den Beinen.» Sven Winzeler geht in seinem Thalwiler Tattoo-Studio nicht auf die Schmerzensäusserung ein. Konzentriert über den Rücken von Claudia Willi gebeugt, schliesst er die fünf Zacken zu einem Stern. Dann nimmt er den Fuss vom Pedal, richtet sich auf und zieht den Mundschutz herunter. «Tätowieren ist schmerzhaft, jeder, der etwas anderes sagt, lügt», sagt der 29-Jährige. Sauberkeit ist oberstes Gebot Alles ist so, wie man es sich vorstellt. Versteckt hinter einem Coiffeursalon an der Mühlebachstrasse 22, kommt schon beim Suchen nach dem Eingang zum Tattoo-Studio Hinterhofatmosphäre auf. Eine alte Treppe führt zum Eingang des Studios – die blaue Holztür sieht aus, als würde sie beim Öffnen quietschen. Ein Hallo durch die angelehnte Tür ersetzt die Klingel. Seit sieben Jahren bemalt Winzeler Menschen statt Wände – ursprünglich besass er ein Malergeschäft. Der Geruch von Reinigungsmittel liegt in der Luft. Vorbei an einer gläsernen Theke gelangt man durch einen schmalen Gang hinter die Trennwand in den Behandlungsraum. Überall hängen Fotos von Tätowierungen, stapeln sich Ordner und Hefte mit Beispielen. Ein Hocker für Winzeler, eine Liege für den Kunden, ein alter Drehstuhl für Besucher, ein Kühlschrank und ein Schubladenstock bilden das Interieur – mehr hat nicht Platz. In den Regalen stehen Farbtuben, verschiedene Reinigungsmittel, fusselfreie Tücher, Handschuhe und Mundschutze. Winzeler trägt Glatze, Henri-Quatre-Bart, Totenköpfe, Namen Verflossener und Vogelspinnen an fast allen sicht- und unsichtbaren Stellen des Körpers – ganz der böse Junge. Öffnet er den Mund, widerlegt er das Klischee: Liebenswürdig, redselig, mit treuherzigem Lächeln stellt sich der 29-jährige Horgner während des Tätowierens als mitfühlender Typ ohne jede Allüre heraus. Obwohl er fast zu oft darauf hinweist, nimmt man ihm sogar seine Versessenheit auf Hygiene ab. Die Vorstellung des tätowierten Revoluzzers und Knastis sei Vergangenheit, sagt Winzeler. Zu seinen Kunden gehören immer öfter Hausmänner, Familienmütter und Teenager. Und wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, der kommt wieder. «70 Prozent sind Stammkunden, weisch.» Dazu gehört auch Claudia Willi, die als Raumpflegerin im Seespital Horgen arbeitet. Neben den Sternen auf ihrem Rücken erweitert Sven Winzeler die bereits vorhandene Inschrift mit schattierten Rissen. «In dir liegt das Glück, in dir liegt die Kraft» steht da in chinesischen Lettern. «Worte», sagt sie mit ihrer rauchigen Stimme, «die hoffentlich auf mich übergehen.» Obwohl sie während der zweistündigen Behandlung immer wieder jammert, geniesst Willi den Vorgang des Tätowierens. «Ich liebe die Maschine», sagt sie, «wenn es nicht wehtun würde, wäre es nicht dasselbe.» Noch nie habe sie eine Tätowierung bereut. Kaum ein Tabu beim Tattoo Ihr 15-jähriger Sohn Kevin allerdings, der muss mit dem Tätowieren noch warten, bis er volljährig ist. In Winzelers Studio würde er nur in Begleitung seiner Mutter ein Tattoo erhalten. Wenn überhaupt. «Wenn Jugendliche wachsen, verzieht sich das Tattoo, weisch, ich habe schon öfters jemanden nach Hause geschickt», sagt er. Kein Tattoo erhielt auch jener Mann, der sich «Arschloch» auf die Stirn tätowieren lassen wollte, und Inschriften mit rassistischem Inhalt lehnt Winzeler ab. Das wohl auffälligste Tattoo, das er je stach, prangt auf der Stirn eines Horgner Akkordmaurers. Nach zwei Jahren Bedenkzeit willigte Sven Winzeler ein, ihm das Logo der Band Evanescence auf die Stirn zu tätowieren. «Er bereut es bis heute nicht.» Die Stirn ist dabei noch eine der harmloseren Dekorationsflächen: Manche Kunden würden auch nicht davor zurückschrecken, sich im Bereich um die Augen, auf der Zunge, im Lippeninnern, auf den Brustwarzen, auf den Schamlippen oder auf dem Penis tätowieren zu lassen. «Einen Penis habe ich schon mal tätowiert, aber nicht die Eichel», sagt Sven Winzeler, «das täte mir selbst zu sehr weh.» Claudia Willi auf dem Behandlungstisch erschaudert. Bei aller Liebe zur Maschine hat sie nach zwei Stunden unter der Nadel genug. Den siebten auf ihrem Rücken vorgezeichneten Stern will sie das nächste Mal stechen lassen. Schliesslich ist da noch Platz. Mit Bettina Rümmelein* sprach Rahel Urech Lassen sich viele Tätowierte ihren Körperschmuck wieder entfernen? Sehr viele. Ich würde sagen, 50 Prozent aller Personen, die ein Tattoo tragen, wollen es wieder loswerden. Die Patienten im Spital Sanitas und im Universitätsspital zusammengerechnet, entferne ich etwa 30 Tätowierungen pro Woche. Was sind die Gründe, weshalb man ein Tattoo wieder loswerden will? Häufig sind es berufliche oder persönliche Probleme. Stewardessen der Swiss zum Beispiel dürfen an Hand- und Fussgelenken keine Tätowierungen tragen. Wie alt sind die Leute? Über 90 Prozent sind zwischen 20 und 30 Jahre alt und wollen ein frisch gestochenes Tattoo schnell wieder loswerden. Zunehmend sind auch solche darunter, die ein permanentes Make-up entfernen lassen müssen. Wie funktioniert das? Mit einem sogenannten Q-switched-Laser zertrümmern wir die Pigmente in der Haut. Das dauert bei einem mittelgrossen Tattoo etwa fünf Minuten. Das klingt schmerzhaft. Es ist wesentlich schmerzhafter als das Tätowieren, denn die Haut spürt den Hitzeimpuls, schlimmstenfalls entstehen kleine Blasen. Anschliessend wird die Haut gekühlt und verbunden. Die nächste Behandlung darf in frühestens sechs Wochen erfolgen. Mit der Entfernung eines handtellergrossen Tattoos ist man etwa ein Jahr beschäftigt – mindestens fünf Behandlungen sind notwendig. * Bettina Rümmelein ist Dermatologin im Center Sanitas in Kilchberg und Vizepräsidentin der Schweiz. Gesellschaft für medizinische Laseranwendungen. Sven Winzeler arbeitet an einem Stern auf Claudia Willis Rücken: «Claudia tätowiere ich gerne – sie zuckt nicht.»Foto: André Springer

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