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Tankwart beim «Pédaleur de charme»

Peter Larice arbeitete in den 60er-Jahren an der Tankstelle, die der Radsportlegende Hugo Koblet gehörte.

Von Martin Huber «Er war ein angenehmer Chef, keiner, der gross herumkommandierte.» So erinnert sich der 69-jährige Peter Larice aus Dietikon an Hugo Koblet (1925&endash1964). Larice arbeitete Anfang der 60er-Jahre als Tankwart an der Agip-Tankstelle bei der offenen Rennbahn in Oerlikon, die der berühmte Ex-Velofahrer damals führte. Koblet, ein Bäckersohn aus Aussersihl, war mit Siegen im Giro d’Italia 1950 und in der Tour de France 1951 zum Volkshelden aufgestiegen. Wegen seines guten Aussehens galt er als James Dean des Schweizer Radsports. Nachdem Herzprobleme, die vermutlich auf eine Dopingspritze zurückgingen, seine Karriere verkürzt hatten, trat er 1958 zurück. Der Wechsel ins Privatleben bereitete Koblet Mühe; er verschuldete sich und hatte wegen diverser Affären Eheprobleme. Im November 1964 raste der 39-Jährige mit seinem Alfa Romeo bei Esslingen in einen Baum. Ob es sich um Selbstmord oder einen Unfall handelte, ist bis heute ungeklärt. Chef brachte Poulets vorbei Vor kurzem zeigte das Schweizer Fernsehen den Film «Pédaleur de charme» (2010) über Aufstieg und Fall des Velohelden. Regisseur Daniel von Aarburg hat Koblets Spuren in Zürich recherchiert. Die Tankstelle in Oerlikon steht noch, wurde aber im Lauf der Zeit stark modernisiert. Früher hingen Koblet-Fotos an den Wänden, heute erinnert nichts mehr an den einstigen Pächter. Die jetzigen Angestellten haben noch nie von ihm gehört, wie sie sagen. Aufgestöbert hat von Aarburg dafür Peter Larice. Für den Film hat er den Ex-Tankwart interviewt, doch fiel die Szene dem Schnitt zum Opfer. «Es war schon ein spezielles Gefühl, bei einer solch prominenten Person zu arbeiten», sagt Larice. Wenn Koblet jeweils mit dem Velo von der Tankstelle wegfuhr, hätten ihm die Leute auf der Strasse zugewinkt und «Hopp Hugo» gerufen. Die Tankstelle war Treffpunkt von Velorennfahrern und Prominenten aus dem Showgeschäft wie etwa Hazy Osterwalds Band. Einmal habe auch Peter Alexander dort getankt, erinnert sich Larice. Koblet habe keine Starallüren gehabt. «Er sprach mit jedem, ob Strassenwischer oder Berühmtheit.» Manchmal habe er seinen Angestellten Gipfeli zum Znüni oder Poulets zum Zmittag gebracht. Oder er fuhr mit ihnen ein Rennen auf der offenen Rennbahn &endash in Autos notabene. Koblet war laut Larice nicht sehr oft an der Tankstelle anzutreffen. Wenn er dort war, habe er zwar ein Übergwändli getragen, sei aber meist im Büro gesessen. «Ausser eine schöne Frau fuhr vor, dann kam er heraus.» Koblet sei viel unterwegs gewesen, «er hatte noch andere Verpflichtungen», sagt Larice vieldeutig. «Alle wussten: Koblet war ein Lebemann.» Er selber, so der einstige Tankwart, habe häufig Telefonanrufe von Verehrerinnen entgegengenommen. In Erinnerung ist ihm auch Koblets teils sorgloser Umgang mit Geld. Als Rennfahrer habe er vermutlich gegen eine Million Franken verdient, aber: «Das Geld kam rechts rein und ging links wieder raus.» Einmal habe Koblet nach einem Rennen im Ausland mit seinem Mechaniker um die ganze Gage gewettet, wer schneller zurück in Zürich sei. Koblet fuhr mit dem Auto des Mechanikers, dieser nahm das Flugzeug &endash Koblet verlor. Grosszügig finanzierte der Radstar private und geschäftliche Projekte von Familienmitgliedern und Freunden. Larice: «Viele haben ihn ausgenützt, und er liess sich ausnützen.» An der Oerliker Tankstelle tankten Leute auf Pump und bezahlten später die Rechnungen nicht. Am Schluss war Koblets prekäre Finanzsituation auch für den Tankwart spürbar: «Benzin lieferte man uns jeweils nur noch gegen Vorauszahlung.» Kurz vor seinem Tod sei ihm Koblet zunehmend deprimiert vorgekommen, wohl wegen der Eheprobleme, vermutet er. Bäckerei ist verschwunden Keine Spuren gibt es mehr von der Bäckerei, die Hugo Koblets Mutter einst an der Hildastrasse 3 in Aussersihl führte. In der offenen Rennbahn erinnert ein Gedenkstein an Koblet. Die Stadt hat 1999 einen Weg in Oerlikon nach ihm benannt. Hugo Koblet. Die Tankstelle gibt es noch: Peter Larice vor seinem einstigen Arbeitsort bei der offenen Rennbahn Oerlikon. Foto: Dominique Meienberg

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