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Thom Luz bringt die Zukunft von gestern zum Klingen Christina Pluhar lässt den Barock rocken Mark Ronson spielt entspannt zur Party auf Bestenliste Oktober: Thomas Lehr an der Spitze

Kurz & kritisch kurz & kritisch Musiktheater Zürich, Theaterhaus Gessnerallee – Mit einem dunklen Wummern öffnen und schliessen sich jeweils die Schubladen der Zettelkästen, die auf einem Klavier thronen. Und jedes Mal, wenn eine Schauspielerin den schweren Körper ihres männlichen Mitspielers in die Höhe wuchtet, hebt das Klavierspiel an: «Tag der hellen Zukunft», die neue Arbeit von Thom Luz, wird vom Klang bestimmt. Die Mitglieder von Luz’ Bühnenensemble (Mathias Weibel, Beatrice Fleischlin, Evelinn Trouble, Siguròur Arent Jónsson, Martin Hofstetter, Thomas Kromer – allesamt toll) realisieren die Klänge und Geräusche; sie treten mit ihrer Stimme aus der Tonkonserve in Dialog und lassen so kurze Hör-Szenen entstehen. Durch Variation und Wiederholung verdichtet sich das akustische Material – Musik, Klänge, Geräusche, Gesang, Dialoge, Sentenzen, Wortfetzen – allmählich zu einer in sich geschlossenen Klangwelt, die durch ihre Perfektion und den virtuosen Umgang mit dem Klangmaterial und den technischen Möglichkeiten zu beeindrucken vermag. Dennoch bleibt Luz’ Klangwelt vage. Das liegt vor allem daran, dass der gewählte Anlass für den Abend – ein fiktiver futurologischer Kongress, der 1947 stattgefunden haben soll – zu wenig stark behauptet wird. Wohl werden Passagen aus Briefwechseln vorgetragen, die auf einen solchen Kongress hinweisen, und gegen Ende des Abends versammelt man sich um einen runden Tisch, um die Schwerkraft zu überwinden. Dies bleiben aber Momente, die vom übermächtigen Klangteppich geschluckt werden. Wahrscheinlich hätte eine der zahlreichen fantastischen Utopien, die im vergangenen Jahrhundert ausgearbeitet wurden, dem Abend den entscheidenden Schub ins Konkrete geben können. So bleibt «Tag der hellen Zukunft» eine hochinteressante szenisch-akustische Etüde, mit der Thom Luz – Jahrgang 1982! – sein gewaltiges Potenzial als musikalischer Weltenschöpfer unter Beweis stellt. Gehet hin und höret! Andreas Tobler Täglich bis 24. 10. Konzert Zürich, Tonhalle – Wenn der Schlagzeuger die Felle mit dem Besen rührt, die Gitarre ihre Akkorde mit «mehr Dreck» schlägt und der Zink die Soli mit Blue Notes spickt, dann hat man es im klassischen Tonhallesaal nicht etwa mit einer Jazzband zu tun. Nein, hier rockt der Barock! Das sind Christina Pluhar und ihr Ensemble für Alte Musik L’Arpeggiata, die ihre Hände im Spiel haben. Und wie sie die im Spiel haben! Die Hand des Schlagzeugers klappert mit Castagnetten, dass einem schwindlig wird, die der Geigerin rast über die Saiten. Da bauschen Sechzehntel sich zu rauschenden Tonbouquets zusammen, die Tonwiederholungen sind nervig im allerbesten Sinn, und selbst auf dem Barock-Hackbrett wird der Turbo geschaltet. Die Musik von 13 bekannten und weniger bekannten Barockkomponisten – von Antonio Bertali über Claudio Monteverdi bis Barbara Strozzi – tönt hier aufregend, theatralisch und neu. Leitet Christina Pluhar ihr Ensemble von der Theorbe aus, ist die Frage nicht nur: Welche Verzierung ist im historischen Kontext authentisch? Sondern vielmehr: To swing or not to swing? (Die Antwort käme wie aus der Pistole geschossen.) Angefangen hatte Christina Pluhar als Barockharfenistin und -lautenistin wie im Schulbuch. Doch bereits nach nicht allzu langer Zeit hatte sie zusammen mit der sogenannt historisch informierten Aufführungspraxis auch das Hofetikett, das in diesem Palast herrscht, kennen gelernt. Von ihrem Thron aus verhandeln da König Dogma und seine Hofsekretärin Authentik, wer vor ihrem Auge Gnade findet und wer nicht. «Nicht mit mir!», dachte Pluhar. Und sie spannte mit neapolitanischen Volksmusikern zusammen, tanzte mit ihrem Ensemble Tarantella und brachte den Beat zurück in die Pfundnoten und Ligaturen der alten Partituren. Ihr neuestes Programm heisst «Teatro d’Amore». Und es ist tatsächlich eine gute Portion Theater, was man an diesem Abend zu sehen und zu hören bekommt. Auf der Bühne herrscht ein Kommen und Gehen: Wer ein Solo hat, stellt sich in die Mitte, wer pausiert, wippt und schnippt mit oder trinkt einen Schluck Wasser aus der mitgebrachten PET-Flasche. Und nicht nur das! Eine Protagonistin gibt es auch: Nuria Rial, die katalanische Sopranistin, die mit ihrer klaren, fast mädchenhaften Stimme den Liedern und Madrigalen kleine Szenen entlockt. In Monteverdis «Chiome d’oro» hüpft sie jugendlich-keck durch die Punktierungen und steigert den Gesang auch mal bis zum Jauchzen. Bei Luigi Pozzi dagegen hört man Rial, wie sie sich im Lied «Cantata sopra il Passacaglio» immer mehr in sich versenkt und aus ihrer Brust die zartesten Töne zaubert. Ja, die Passacaglia. Von ihr bekam man an diesem Abend die XXL-Packung verabreicht. Gezupft und gestrichen, mal laut, mal leise war sie Grundschema fast jedes Stückes. Und trotzdem: Als das Konzert fertig war, hätte man gleich noch eine Portion vertragen. Anna Kardos CD In Interviews erzählt der in New York aufgewachsene, englischstämmige DJ und Produzent Mark Ronson gerne, er sei sowohl mit der Musik der Beastie Boys und Run DMC wie auch mit der von Duran Duran und Guns N’ Roses aufgewachsen. Schwarze und weisse Musik schütteln sich über seinen Plattenspielern denn auch gerne mal die Hand. Dass diese Zusammenführung in seinen eigenen Produktionen nicht immer schön paritätisch und geschmackvoll verlief, zeigten frühere Aufnahmen. Sein erstes Album «Here Comes The Fuzz» (2002)zeugte von einem durch jahrelanges Auflegen geschulten, hohen Verständnis für Groove und Tanzbarkeit. Von klarem Songwriting und cleverer Struktur waren die meisten Tracks jedoch weit entfernt. Seither ist viel passiert: Ronson hat Amy Winehouse für eine grosse Karriere fit gemacht, mit Rock- und R&B-Bands gearbeitet und ganz offensichtlich an Sicherheit gewonnen. Auf seinem neuen, dritten Album «Record Collection» hat sich der 35-Jährige von allem Zwanghaften befreit. Jetzt klingt das Miteinander von forschem, übermütigem Beat, von Synthesizern aus den Achtzigern, von Raps und quirlig-romantischen Gesangsmelodien einig und entspannt. Und das, obwohl einem das live eingespielte Schlagzeug ständig sagt: Ruh dich bloss nicht aus. Hier greift ineinander, was ursprünglich nicht füreinander bestimmt war: In «Somebody To Love Me» ist eine Achtziger-Softpop-Ballade mit einem scharfen Afrobeat unterlegt, in «Glass Mountain Trust» darf der lang verschollene D’Angelo mit verfremdeter Stimme zu theatralischen Synthesizern den rockenden Funker mimen, und in «Bang Bang Bang» hält Meisterrapper Q-Tip einen von Schlagzeugbreaks durchsetzten Partyhybriden elegant zusammen. Kurz: Das Puzzle ergibt endlich Sinn und macht richtig Spass. Adrian Schräder Mark Ronson: Record Collection (Sony). Literatur 1. Thomas Lehr: September. Fata Morgana. Hanser, 480 S., ca. 40 Fr. 2. Thomas Hettche: Die Liebe der Väter. Kiepenheuer & Witsch, 224 S., ca. 26 Fr. 3. Pedro Mairal: Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra. Hanser, 144 S., ca. 25 Fr. 4. Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Galiani, 432 S., ca. 35 Fr. 5. Herman Charles Bosman: Mafeking Road und andere Erzählungen. Ed. Büchergilde, 208 S., ca. 30 Fr. 6. Jonathan Franzen: Freiheit. Rowohlt, 736 S., ca. 38 Fr. 7. Martin Mosebach: Was davor geschah. Hanser, 336 S., ca. 37 Fr. 8. Fritz Rudolf Fries: Alles eines Irrsinns Spiel. Faber & Faber, 331 S., ca. 34 Fr. 9. Dinaw Mengestu: Die Melodie der Luft. Ullstein, 320 S., ca. 36 Fr. 10. Alain Claude Sulzer: Zur falschen Zeit. Galiani, 230 S., ca. 30 Fr. (TA) Das geklonte Ensemble: «Tag der hellen Zukunft» von Thom Luz. Foto: Reto Schmid

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