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Titel (max. 2-zeilig) Zeugnisse von «Unheilbaren»

Das Medizinhistorische Museum zeigt berührende Bilder, Texte und Handarbeiten von längst verstorbenen Psychiatrie-Patientinnen und Patienten. Das Medizinhistorische Museum zeigt berührende Bilder, Texte und Handarbeiten längst verstorbener Psychiatrie-Patienten.

Von Helene Arnet Zürich – Wenn Sie diese Ausstellung verlassen, haben Sie zehn Menschen kennen gelernt und viel nachzudenken. Das Medizinhistorische Museum der Universität Zürich zeigt auf kleinem Raum Werke von Patientinnen und Patienten, die einst als unheilbar psychisch krank diagnostiziert in die Pflegeanstalt Rheinau eingewiesen wurden – und dort auch meist bis zu ihrem Lebensende blieben. Sie haben im Gutsbetrieb gearbeitet, und einige von ihnen haben in der Freizeit gemalt, gestrickt oder geschrieben. Zum Beispiel Hermann M. (1894–1943): Stiel reimPein, pein, bein rein beim federlein;Aetherdas’ wachshonignasRosenstrumpf und dornencknieAus welcher frage, lachen die? Hermann M. war Müller. Viel mehr weiss man von seiner Geschichte nicht. In der Pflegeanstalt Rheinau nahm man Krankengeschichten nicht so wichtig. Schliesslich lautete die Diagnose «unheilbar». Viele der Patientinnen und Patienten litten wohl an schizophrenen Störungen. Doch wer Hermann M.s dadaistisch anmutende Gedichte und seine Prosatexte liest, erfährt viel über ihn – und über das Leben in der Rheinau. So schrieb er den Speiseplan ab: Butter kommt einmal in dreizehn Jahren vor. Hinter «Kirschen» setzte er ein Ausrufezeichen. Mit der Zeit mutierten M.s Buchstaben zu Ornamenten, die nur noch er lesen konnte. Er habe Wind in die Buchstaben hineingemacht, antwortete er auf die Frage, weshalb er solche Zeichen male. Wenn er diese drehe, würden sie Musik von sich geben. Werke an der Biennale Venedig Die Sammlung der 1930 geschlossenen und mit 1200 Patienten einst grössten Pflegeanstalt der Schweiz umfasst 800 Werke von 23 Personen. Die meisten sind optisch nicht so leicht zugänglich wie die Strickbilder von Jeanne Natalie Wintsch (1871–1944). Ihre Bilder sind Kunst – einige Werke sind zurzeit auch an der Biennale in Venedig ausgestellt. Wer sich aber auf die Exponate einlässt, dem wird der ursprüngliche Sinn des Begriffes «verrückt» bewusst: verrückt in eine eigene, aber in sich stimmige Welt. Zum Beispiel Henrich B. (1863–1926). Der Bähnler weigerte sich, ohne Lohn zu arbeiten, was ihm anfänglich einigen Ärger einbrachte. Doch zeichnete er unermüdlich Erfindungen, die der Gesellschaft dienlich sein sollten. Tausende. Antriebe für Luftschiffe und Wasserkraftwerke, kleine Flugmaschinen oder eine automatische Bahnbarriere, was es damals noch nicht gab. Seine Erfindungen, mit Tinte auf Verpackungssäcke für Stahlspäne gezeichnet, versah er mit fiktiven Patentnummern und Preisen.Die Sonderausstellung «Rosenstrumpf und dornencknie» ist die erste, die unter dem neuen Direktor des Medizinhistorischen Instituts und Museums, Flurin Condrau, entstanden ist. An der Medienkonferenz freute er sich, dass darin die Patientenperspektive ins Zentrum gerückt wird. «Die moderne Patientengeschichte ist ein neuer Forschungsschwerpunkt unseres Instituts.» Den beiden Gastkuratorinnen Katrin Luchsinger und Jacqueline Fahrni ging es aber auch um postume Anerkennung für diese mit viel Aufwand, teilweise mit Obsession geschaffenen Lebenswerke.Zum Beispiel Lisette H. (1857–1924). Die Hausfrau und Mutter von fünf Kindern strickte aus Putzfäden oder Seegras, welches als Matratzenfüllmaterial gebraucht wurde, Handtaschen, Damenhütchen und Strümpfe mit weissen Bordüren. Als Nadeln dienten ihr Streichhölzer. Medizinhistorisches Museum, Rämistr. 69 Di–Fr 13 bis 18, Sa/So 11 bis 17 Uhr, Führungen am letzten Sonntag des Monats um 11 Uhr (ausser Juli und Dezember), bis 12. Januar 2012www.medizin-museum.uzh.ch In eine eigene, andere Welt «verrückt»: «Überdruck-Motoren System HB» von Heinrich B. (1863 bis 1926). Fotos: PD «Varekstrumpf» von Lisette H. (1857–1924). «Temperatur–wenig–verändert» von Hermann M. (1894–1943).

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