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Tour de ManhattanVelotour durch Manhattan

In der Abenddämmerung auf zwei Rädern um Downtown New York – geschwind und lehrreich.

New York entdeckt das Velo Von Janine Hosp Die Brille wirkt in diesem fein gezeichneten Gesicht zu gross, der Velohelm, an dem eine Art Mundspiegel klebt, ebenfalls. Unter dem Helm steckt ein heller Kopf. Und wenn Richard, der sich nur mit dem Vornamen vorstellt, jetzt über Manhattans neuere und ältere Vergangenheit erzählt, dann rücken auch Leute unauffällig näher, die gar nicht zu seiner Gruppe von Radfahrern gehören. Nach den Anschlägen von 2001, so erzählt Richard etwa beim Ground Zero, seien die New Yorker sehr aufmerksam zueinander gewesen, hätten sich gegenseitig Türen aufgehalten und in der U-Bahn Fremden ihren Platz angeboten. Nach drei Monaten war es damit aber bereits wieder vorbei: «Da wusste ich: Yes, wir New Yorker sind zurück! Wir haben das Drama überwunden.» Man könnte Richard auch als Stand-up-Comedian auf die Bühne stellen, doch der pensionierte Highschool-Lehrer setzt sich lieber aufs Velo und führt Touristen pedalend durch Manhattan. An diesem Sonntagnachmittag sind es ein Dutzend Leute aus Kanada, Australien, Nigeria, Deutschland, Belgien und Kalifornien. Die «Twilight Tour» startet jeweils zweieinhalb Stunden vor Sonnenuntergang und endet fünf Stunden später nach einer Fahrt durch Lower Manhattan in der Dunkelheit. Der Lehrer in Richard tritt während der Tour wiederholt in Erscheinung. Manchmal ist es der strenge Lehrer, der die Autofahrer durchs offene Fenster rüffelt, wenn sie auf Velostreifen parkieren oder mitten auf der Bikebox halten, den zwei Quadratmetern Strasse vor den Ampeln, die Velofahrern nach der Rotphase zu einem kleinen Vorsprung verhelfen sollen. Manchmal ist es aber auch der fürsorgliche Lehrer, der just vor dem grossen Zuckerloch Biskuitrollen zückt und sein Grüppchen stärkt. Mehr Velos dank Duschen Auf der Fahrt um den Südzipfel Manhattans erzählt er von den Anfängen der Schwulenbewegung, vom Zuhause der TV-Serie «Friends», von den Helden von 9/11, vom Wettrüsten um den höchsten Wolkenkratzer. Oder die dramatische Entstehungsgeschichte der Brooklyn Bridge – vom Architekten, der sich nach einem Unfall auf der Baustelle den Fuss amputieren lassen musste und bald darauf starb; von dessen Sohn, der das Werk seines Vaters weiterführen wollte, dann aber ebenfalls verunglückte und die Arbeiten vom Rollstuhl aus mit einem Fernrohr verfolgen musste. Schliesslich vollendete seine Frau Emily den Bau. Auf der Brücke ist die Gruppe zusammengerückt, damit sie Richard überhaupt versteht; hier herrscht auch am späten Sonntagabend fast so viel Verkehr wie zu Stosszeiten. Dennoch, die Stimmung hat etwas Magisches: Links und rechts der Brücke glitzern Manhattan und Brooklyn, der Himmel darüber ist tiefschwarz. In New York fährt es sich überraschend gut Velo. Die Stadt hat sich 2009 selber zur «Bike Capital» der USA ausgerufen, nachdem sie ihr Velonetz innert nur dreier Jahre um 200 auf 420?Meilen ausgebaut hat. Am komfortabelsten aber sind die grosszügigen Trassen entlang des Hudson River. Das ist Venice Beach in New York, wo Velofahrer, Skater und Jogger aneinander vorbeifädeln. Langsam, so sagt Richards Kollege Jesse, würden die New Yorker überhaupt daran denken, sich aufs Velo zu setzen. Es müsse aber noch einiges getan werden, um die Situation zu verbessern; es brauche mehr Veloständer in der ganzen Stadt, mehr Duschen in Bürogebäuden und mehr Velokurse für Kinder. «All dies geschieht auch bereits», sagt er. Kürzlich sei sogar ein Gesetz überwiesen worden, gemäss dem grössere Bürogebäude mit Duschen ausgerüstet werden müssen. Die Massnahmen zeigen schon heute Wirkung: Gemäss dem Department of Transportation steigen 200 000 New Yorker täglich aufs Velo – mehr als doppelt so viele wie 2003. Morgens, wenn Brooklyn nach Manhattan zur Arbeit fährt, erinnert die Brooklyn Bridge mehr an Peking denn an New York. Auch die Zahl der Velotouren, die «Bike the Big Apple» durchführt, steigt ständig: Dieses Jahr werden es voraussichtlich 400 sein, letztes Jahr waren es knapp über 300. Rücksichtsvolle Autofahrer Die Autofahrer verhalten sich gegenüber Velofahrern in der Regel sehr rücksichtsvoll, wie Jesse sagt. Auf den belebten Strassen Manhattans müssten sie «hyperaufmerksam» sein, auch gegenüber anderen Velofahrern. Richards Helfer gehen auf der Tour kein Risiko ein. Hat es einmal etwas mehr Verkehr, stellen sie sich auch schon mal unerschrocken vor die Autos und schirmen die Gruppe mit ihren teuren Velos ab. Am Ende der Tour stellt Richard, der Lehrer, seine Gruppe wie Paradepferde in einer sauberen Reihe auf dem Trottoir auf, schliesslich sollen Fussgänger noch vorbeikommen. Der Entertainer in ihm verabschiedet sie fulminant: «Thank you, thank you so much! Ihr wart eine grossartige Gruppe – niemand hatte einen Platten, niemand ging verloren.» Selbst auf der Brooklyn Bridge gibt es Velowege.

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