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tradition ist eine tugend

Sie verdienen ihr Geld mit Luxemburgerli, Mercedes und Udo Jürgens –und alte Werte sind ihnen wichtiger als der schnelle Profit. Drei Zürcher Patrons über das Geheimnis ihres Erfolgs.

Von Oliver Demont (Text) und Anne Morgenstern (Bilder) Milan Prenosil:der süsswarenhändler Er hat sein Haus dort stehen, wo auch jeder Monopoly-Spieler bauen will: am Paradeplatz. Eine ältere, adrett gekleidete Dame schiebt im dritten Stock des Hauses die Flügeltüren aus dunklem Holz auseinander und kündigt den Besuch an. Hinter einem Tisch aus Massivholz sitzt Milan Prenosil (48), Neffe von Richard Sprüngli, Spross der sechsten Confiserie-Sprüngli-Generation und heute Verwaltungsratspräsident der wohl bekanntesten Confiserie der Schweiz. Prenosil drückt die Hand kräftig, fast euphorisch. Es ist 8.30 Uhr, ein Donnerstagmorgen. Während des Gesprächs am langen Sitzungstisch serviert die Dame still Kaffee und Konfekt. Das Ensemble wirkt wie aus einem Rosa-munde-Pilcher-Film – nur ist hier alles echt. Von «Authentizität» spricht Prenosil denn auch, wenn er gefragt wird, warum die Confiserie Sprüngli im 175. Jahr seit der Gründung erfolgreicher denn je wirtschaftet. Während andere Konzerne in Anzeigen regelmässig ihre ethisch hehren Ziele verkünden, muss Sprüngli im Jubiläumsjahr nicht über Werte sprechen. Es reicht, wenn die Firma in einer Zeitungsbeilage vom Lehrling bis zum Verwaltungsratspräsidenten alle Angestellten porträtiert. Prenosil sagt: «Natürlich kommt uns der Zeitgeist entgegen. Die Menschen wollen gelebte Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Anstand.»Doch wie schafft es ein Unternehmen, dass die Stadtbewohner eine Confiserie ins emotionale Inventar aufnehmen? Prenosil lächelt. «Ein gutes Truffe du Jour findet sicherlich einfacher den Weg ins Herz der Menschen als ein strukturiertes Finanzprodukt.» Aber Kunden, Partner und Öffentlichkeit wüssten auch, dass die zelebrierte Unternehmenskultur von Sprüngli kein Marketing-Erzeugnis sei. Es sei auch Glück, dass er und sein Bruder in der sechsten Generation noch immer die gleichen Werte vertreten würden wie die vorherigen Generationen, sagt Prenosil, der Sprüngli seit 1994 zusammen mit seinem Bruder und Geschäftsleiter Tomas führt. So überkorrekt die Umgebung ist, so locker gibt sich Milan Prenosil. Mitten im Gespräch sagt er: «Was ich wirklich nicht ertrage, sind Leute, die sich wahnsinnig wichtig nehmen. Egomanen und Narzissten, die sich oberflächlich über materielle Dinge definieren. Damit habe ich Mühe.» Die Familie Sprüngli dagegen sei eine Familienbande; alle miteinander stünden in Kontakt, von den Kindern bis zum Onkel. «In unserem Clan werden die Werte gelebt und nicht eingetrichtert. Ja, wir halten zusammen.» Auf sein Erbe angesprochen, sagt Milan Prenosil offen: «Es ist Vorteil und Verpflichtung zugleich, wenn man sich auf den vorgewärmten Chefsessel eines solchen Familienunternehmens setzen kann.» Der Sessel müsse aber auch warm bleiben. «Wir müssen uns im Bewusstsein unserer Tradition weiterentwickeln – sonst kann das ganze Unternehmen in Gefahr geraten.» Prenosil sagt, er verrichte seine Arbeit mit Freude und immer im Wissen, dass alles vergänglich sei. «Bereits die nächste Generation wird sich nicht mehr an die Probleme der heutigen Zeit erinnern», sagt er. Darum sei es wichtig, offen, anpassungsfähig und lösungsorientiert zu sein und diese Überzeugung weiterzugeben.Insgesamt arbeiten in der Confiserie Sprüngli rund 1000 Leute. Sie teilen sich 800 Vollzeitstellen. Die meisten von ihnen werden im Unternehmen alt. Darin sieht Prenosil nicht nur eine soziale Geste, sondern auch einen grossen Marktvorteil: «Langjährige Mitarbeiter bringen Stabilität in unser Unternehmen und tragen dazu bei, dass unsere Unternehmenskultur gelebt wird. Ganz zu schweigen vom Wissen, das sich unser Unternehmen über all die Jahre sichert.» Rund 20 Prozent der Belegschaft nehmen jährlich an der Dienstalterehrung teil; zwei Mitarbeiterinnen feierten gar das 50-Jahr-Jubiläum. Als wolle er den Verdacht, dass er ein Gutmensch sei, entkräften, sagt Prenosil: «Wir sind keine Wohlfühloase. Aber wenn jemand nicht mehr kann, dann stellen wir ihn auch nicht einfach auf die Strasse. In den allermeisten Fällen finden wir eine Lösung.» Im Dialog mit seinen Angestellten ist Prenosil auch im Alltag. Er und sein Bruder sind regelmässig in den Verkaufsstellen und in der Produktion in Dietikon unterwegs, auch an Festtagen. Und wie gelangt Kritik von der Basis zu ihm an die Spitze des Unternehmens? «Ich frage immer die Mitarbeitenden direkt; ich möchte wissen, was schlecht läuft.» Er wolle Probleme frühzeitig erkennen und lösen. Knackpunkt sei aber manchmal eine gewisse Zurückhaltung, die ihm seine Angestellten entgegenbrächten. «Interessant ist, dass die Basis unverkrampfter mit mir spricht als das mittlere Management», sagt Prenosil. Dann erwähnt er zwei Erfahrungen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, die ihn toleranter und auch demütiger gemacht hätten. Darüber sprechen will er nicht. Er sagt nur so viel: «Ich erkannte damals schmerzlich, dass ich nicht der ‹Siebesiech› war, für den ich mich manchmal hielt. Darum unterstütze ich heute die Leute, übertrage ihnen Verantwortung, lobe und kritisiere sie respektvoll – und akzeptiere auch, dass Fehler passieren können.» Peter stüber:intellektueller autohändler «Der Dr. Stüber? Grundehrlicher Typ, wirklich.» – «Merbag-Stüber? Ja, das ist ein ganz feiner Mensch, trotz dem vielen Geld.» Die ewig gleiche Antwort bei einer Recherche zu hören, kann nerven. Jetzt sitzt Peter Stüber am Tisch im Hauptsitz seiner Merbag AG in Schlieren. Stübers Aussicht aus dem fünften Stock: eine Strassenschlucht, gesäumt von Industriebauten und Schweizer Plattenbauarchitektur; dahinter ein grüner Hügelzug und weidende Kühe. 33 Garagen besitzt Peter Stüber. Damit ist der 71-Jährige der mit Abstand grösste Mercedes-Händler der Schweiz. Seine Merbag Holding erzielte im vergangenen Jahr rund 800 Millionen Franken Umsatz. Stüber hat sich auf das Gespräch vorbereitet, auf seinem Block sind fein säuberlich Gedanken aufgelistet. Mit väterlicher Stimme stellt er auch selbst Fragen; er ist ein aufmerksamer Zuhörer. Übernommen hat er das Unternehmen von seinem Vater. Dieser hat als Verkaufsinspektor bei der Mercedes-Benz gearbeitet und war zur Stelle, als die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg die Mercedes-Benz Automobil AG beschlagnahmte und im Namen der USA verkaufte. Peter Stüber ist 1968 in die Firma eingetreten, zwei Jahre nach seinem Doktorat. Neben Stübers Arbeitsplatz steht ein kleines Tischchen. Auf diesem geht er regelmässig seinem Hobby nach, dem Schachspiel. «Analytisches Denken ist meine Stärke. Mein Vater hingegen war eher der spontane Typ. Eine unglaublich starke Persönlichkeit.» Von ihm habe er gelernt, für die Mitarbeiter da zu sein, die Türe offen zu halten und sich Zeit zu nehmen. «Ich fühle mich halt schon eher für alle zusammen verantwortlich als ein Manager, der in definierten Zeiträumen eine Leistung abliefern muss und dann wieder ein Unternehmen verlässt», sagt Stüber. Er wisse, dass jüngere Führungskräfte ihn als «eine Spur zu gutmütig» empfänden; aber ganz falsch könne seine Art ja nicht sein, wenn er so zurückblicke. Er lacht, als er das sagt. Was Stüber von seinen Mitarbeitern allerdings erwartet, ist ein Bekenntnis zur Firmenkultur. Seit 30 Jahren müssen neue Mitarbeiter bei Vertragsabschluss das Leitbild mit unterzeichnen. In diesem steht zu Beginn geschrieben: «Wir stehen für Qualität, Kompetenz und absolute Ehrlichkeit.» Oft würden Mitarbeiter sagen, dass das Wort «absolut» vielleicht ein bisschen übertrieben sei. Darauf antworte er jeweils, dass es keine relative Ehrlichkeit gebe.Erzählt Stüber von seiner Kindheit und Jugend, kommt er rasch auf seine Begeisterung für die Malerei, die Philosophie und die Musik zu sprechen. Heute ist er Mäzen und Präsident der Tonhalle-Gesellschaft und hat mit Chefdirigent David Zinman einen der grossen Dirigenten ans Haus geholt. Irgendwie fällt es schwer, sich den Intellektuellen Peter Stüber im rauen Milieu des Autohandels vorzustellen. Kommt das FDP-Mitglied Stüber aber auf seine ökonomischen Grundsätze zu sprechen, wird sein analytisches Denken rasch erkennbar. «Natürlich gilt Milton Friedman, der sagt: ‹Das Management hat so viel wie möglich für das Aktionariat herauszuholen.› Aber: Es gilt auch der Stakeholder-Ansatz. Dieser besagt, dass wir an alle Beteiligten denken sollten. Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten, Umwelt und Aktionariat.» Gerade sein Produkt stehe da besonders in der Pflicht, denn nicht umsonst sage der Volksmund: «Das ist der Mercedes unter diesen Produkten.» Und was hat sich über all die Jahre in der Wirtschaftswelt geändert? «Man trennt sich heute viel rascher von Mitarbeitern, die in ihrer Leistung nachlassen. Das war vor 30 Jahren noch anders.» Wenn Stüber von «man» spricht, dann beobachtet er diese Tendenz auch in seinem Unternehmen, wie er selbstkritisch zugibt. Stüber hat das operative Geschäft einem Geschäftsführer übergeben, der seit zwanzig Jahren im Betrieb arbeitet. Seine zwei Töchter seien zwar in allen Verwaltungsratsgremien vertreten, im operativen Geschäft allerdings nicht tätig. «Das ist eine pragmatische und gute Lösung», sagt Stüber zur Nachfolgeregelung. freddy burger:der freizeitmanager Im Kreis 7, in einer Villa oberhalb des Römerhofs und mit Blick auf die Kreuzkirche, wirtschaftet seit 42 Jahren Freddy Burger. Burger sagt, dass er die Freizeit der Menschen organisiere. Das ist korrekt, aber tiefgestapelt. Denn sein Unternehmen, die Freddy-Burger-Management-Gruppe, zählt heute in der Schweiz mit 350 Mitarbeitern in Zürich und Basel zu den grossen Anbietern im Geschäft mit der Show. Unlängst erhielt Burger von der Stadtpräsidentin der Stadt Zürich die Ehrenmedaille der Stadt überreicht.Die Art, wie Freddy Burger spricht, ist ungeschliffen. Er sei stolz, dass er immer einen gradlinigen, ehrlichen Weg gegangen sei. Gerade in seinem Geschäftsfeld würden sich einige zwielichtige Gestalten tummeln. Als müsste er den Tatbeweis erbringen, versichert er, dass Journalisten so lange recherchieren können, wie sie wollen: «Sie werden bei mir auf keine Steuerhinterziehung oder sonst eine krumme Sache stossen.» Der 65-jährige Burger verdient sein Geld dort, wo sich die Vertreter der Hochkultur abwenden, dafür aber die Zuschauer massenweise herbeiströmen. Jährlich organisieren Burger und seine Leute 300 Veranstaltungen; von der «Aida» und der «Zauberflöte» im Zürcher Hallenstadion bis zum kanadischen Cirque du Soleil auf dem Hardturmareal. Hinzu kommt rund ein Dutzend Gastrobetriebe wie das Restaurant Sonnenberg, der Club Mascotte oder ein Cateringunternehmen, das wiederum Dienstleistungen bei Burgers Grossveranstaltungen erbringt. Er betreibt auch das Zürcher Theater 11 und das Musical-Theater Basel. Und managt Künstler. Burger verschafft Pepe Lienhard, Massimo Rocchi oder Gardi Hutter ihre Auftritte. Sein wohl populärster Kunde ist Sänger Udo Jürgens. «Kein Kunde, ein Freund», korrigiert Burger.Burgers Leidenschaft galt schon früh der Musik. Sein erstes grosses Konzert organisierte er mit 18: Cliff Richard and The Shadows im Hallenstadion. Nur 6000 Zuschauer kamen. «Mein erster Flop», erinnert sich Burger. Sein Vater griff ihm unter die Arme, um das Schlimmste abzuwenden. Eine Niederlage war es auch, die den Grundstein für Burgers späteren Erfolg legte. Burger war 28 Jahre alt, hatte eben ein Haus für sich, seine Frau und seinen Sohn gebaut. Gleichzeitig verlor seine Firma mit dem Betrieb eines Nachtclubs über eine längere Zeitspanne hinweg monatlich 15 000 Franken. «Irgendwann wusste ich nicht mehr, wie ich diesen Verlust stemmen konnte.» Seit diesem Ereignis wisse er, sagt Burger und wechselt dabei vom kumpelhaften Erzählton in den eines Wirtschaftsdozenten, «dass ich nur Geschäfte eingehe, die mich auch bei einem Totalverlust nicht ruinieren können». Dann lehnt er sich zurück und erzählt entspannt, dass sein Unternehmen seit 15 Jahren eigenfinanziert sei. «Ich habe keine Bankkredite, das ist mein Glück.»Viel zu seinem Erfolg beigetragen habe die Reflexion über sein Handeln, sagt Burger. Offen spricht er über seine Psychotherapie, welche er als junger Familienvater nach einem Nervenzusammenbruch machte. Oder aber über einen Nachmittag am Ufer der Sihl vor fünf Jahren. Burger, eben 60 Jahre alt geworden, war unterwegs an eine Verwaltungsratssitzung nach Luzern, als sich im Sihltal der Verkehr staute. Die Sonne schien, und kurzerhand nahm Burger sein Mobiltelefon und tat, was er noch nie getan hatte: Er liess sich für die Sitzung entschuldigen. Dann brach er aus der Autokolonne aus, parkte und setzte sich in Anzug und Krawatte ans Sihlufer. Neben sich entdeckte er einen Ameisenhaufen, «ein kleines Abbild der Erde», wie er sagt. Nach einer Weile habe er sich gefragt: «Und was für eine Ameise bist du, Freddy? Ich wusste, dass ich keine Königin bin – das mit dem Eierlegen ist nicht so meins. Ich wusste auch, dass ich kein Krieger bin – der Angriff und die Öffentlichkeit liegen mir nicht so. Und so wusste ich: Ich bin der Arbeiter, der Macher.» Wer sich jetzt über diese Erzählung lustig macht, tut Burger unrecht. Er hat seinen Auftritt immer dann, wenn der Vorhang fällt, auch in seinem Privatleben. Nicht St. Moritz heisst seine Winterdestination, sondern Fidaz; und nach Feierabend fährt er nicht nach Küsnacht, sondern nach Ebmatingen.Burger versucht mehrmals zu erläutern, warum sein Unternehmen anders als andere funktioniert. Er spricht von seiner Fürsorglichkeit gegenüber den Mitarbeitern und davon, dass er auch Schwäche zeigen könne. Und er spricht davon, dass er im Gegensatz zu einem Investmentbanker eine Verantwortung für sein Handeln habe. Mit Blick auf die Regulierungsbemühungen im Bankensektor findet er gleichwohl, dass diese «doch nicht verordnet werden können».Udo Jürgens, der lebensgross als Kartonständer hinter Burger in der Ecke steht, lächelt konstant. Seit 1977 managt Burger seinen Freund und hat ihn auch schon medienwirksam mit dem Flügel auf dem Jungfraujoch und in der Verbotenen Stadt in Peking in Szene gesetzt. Beiläufig erzählt Burger schliesslich eine Anekdote, welche all die Fragen, die er zuvor über lange Erzählschlaufen zu beantworten versuchte, in zwei Sätzen beantwortet: «Wissen Sie, den Künstlervertrag haben Udo und ich vor 35 Jahren unterschrieben. Es gab nie Probleme. Darum haben wir den Vertrag auch nie mehr angeschaut.» «In unserem Clan werden die Werte gelebt und nicht eingetrichtert.» Freddy Burger hat seinen Auftritt immer dann, wenn der Vorhang fällt. «Und was für eine Ameise bist du?»Freddy Burger in seinem Büro oberhalb des Römerhofs. «Ein gutes Truffe du Jour findet einfacher den Weg ins Herz der Menschen als ein strukturiertes Finanzprodukt»: Sprüngli-Chef Milan Prenosil.

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