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Tränen und Trost im Tierkrematorium

2300 Tiere hat die Rütner Firma Dicentra im letzten Jahr verbrannt. Weil das Geschäft gut läuft, ist ein zweiter Ofen geplant.

Von Stefan Krähenbühl Rüti – Das Dicentra ist das einzige Tierkrematorium im Oberland. Vor gut einem Jahr hatten die Mitarbeiter im hellgrauen Gebäudetrakt im Rütner Quartier Neuhof zum ersten Mal ein Tier eingeäschert. Inzwischen haben sie dort bereits 2300 Tiere kremiert. Unzählige Tränen sind hinter den Fassaden geflossen, unzählige Male nahmen Menschen von ihren treuen Begleitern Abschied. So auch Patrizia Kunkler. Angefangen hat alles mit dem Tod von Katze Jessica. «Sie lag einfach da», erinnert sich Kunkler. «Ganz still auf dem Boden. Und ich stand völlig neben mir.» Kunkler verständigte ihre Tierärztin, die ihr vom Tierkrematorium Dicentra erzählte. «Mir war schon immer klar, dass ich meine Büsis dereinst einäschern lassen würde», sagt Kunkler. Die liess ihre Katze im April 2010 kremieren. Zu Hause wartet leerer Napf Inzwischen ist die Gutenswilerin im Dicentra traurigerweise zur Stammkundin geworden. Drei Büsis hat sie hier bereits kremieren lassen. Als sie im Besprechungszimmer sitzt und vom Abschied von ihren Katzen erzählt, nimmt sie die Erinnerung sichtlich mit. Genau in diesem Raum sass sie, nachdem Jessica gestorben war. An diesem Tisch erledigte sie die Formalitäten vor der Einäscherung. Damals wie heute schämt sich die 37-Jährige ihrer Gefühle nicht. Tränen fliessen. «Die Trauer hört nicht auf, wenn man mit der Urne aus diesem Gebäude geht», sagt sie. «Zu Hause wartet der leere Napf, der nie mehr benutzt wird, das Plätzchen, auf dem noch immer ein paar Haare kleben. Dann kommt die innere Leere.» Patrizia Kunkler weiss, dass sie stärker als andere Menschen um Tiere trauert. Viele Berufskollegen würden dafür nicht immer Verständnis zeigen. Kunkler arbeitet als Polizistin. «Wer so an Tieren hängt wie ich, wird da schon manchmal komisch angeschaut.» Ein Umstand, mit dem sie gut leben kann. «Umso schöner», sagt sie, «dass hier im Krematorium so viel Verständnis vorhanden ist.» Empathie mit den Kunden Dicentra-Betriebsleiter Urs Kapp ist sich bewusst, dass Empathie im Umgang mit Kunden wichtig ist. «Wir wollen mehr sein als Menschen, die am Eingang Tiere in Empfang nehmen», sagt er. Tierhalter könnten entscheiden, wie weit sie den Prozess der Kremation begleiten möchten. Die Erfahrung der Dicentra-Mitarbeiter zeigt: Jeder hat seine eigene Art, mit der Trauer umzugehen. Manche Kunden streicheln ein letztes Mal das Fell des Tieres, andere begleiten es bis zum Ofen. Der Blick auf den Ofen ist aber nicht einzig Tierhaltern vorbehalten. Jeder darf einen Blick hinter die Kulissen des Rütner Krematoriums werfen. Transparenz ist Teil des Konzepts – und das Konzept geht auf. «Wir sind mit den Zahlen zufrieden», sagt Kapp. 2300 Kremationen seien ein guter Start. «Mittelfristig ist ein zweiter Ofen geplant.» Bei den benachbarten Firmen ist das Krematorium akzeptiert. Der Betrieb verläuft ruhig, Emissionen gibt es keine. Die Asche verlässt das Dicentra meist in Urnen, die im Krematorium bestellt und gekauft werden können. Drei solcher Urnen stehen bei Patrizia Kunkler in der Wohnung. Eines Tages werden es vier oder fünf sein. Denn die beiden Katzen, die ihr geblieben sind, altern. «Ich weiss, dass ich wieder hier sitzen werde», sagt die Gutenswilerin. Dabei sei nicht die Angst vor dem unerwarteten Tod der Büsis schlimm. «Es ist die Angst vor dem Abschiednehmen.»

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