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«Tudo bem» an der Copacabana

«Tudo bem» (alles o.k.). So tönt es schon den ganzen Vormittag am brasilianischen Fernsehen. Was in Brasilien eine alltägliche Begrüssungsfloskel ist, hat heute für einmal eine andere Bedeutung. Ein ganzes Land fiebert der Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2016 entgegen. Zum 5.Mal ist Rio dabei. Und diesmal sind alle der Überzeugung: «Wir schaffen es.» Schon um 9 Uhr morgens – drei Stunden vor dem ersten Wahlgang im entfernten Kopenhagen – füllt sich der legendäre Strand an der Copacabana. Vor dem berühmten Hotel Copacabana Palace, wo seinerzeit alle Stars abstiegen, stehen zur Mittagszeit rund hunderttausend Menschen vor einer Riesenbühne und schauen sich die Direktübertragung an. Das Wetter spielt für einmal nicht ganz mit. Die Sonne versteckt sich etwas hinter den Wolken. «Hoffentlich kein schlechtes Vorzeichen», sagt ein 19-jähriger Beachvolleyballer. Er und seine Kollegen, aber auch die Strandfussballer sind heute zum Zuschauen verurteilt. Das Wetter tut der Stimmung keinen Abbruch. Eingebettet zwischen dem Zuckerhut und dem Corcovado mit seinem Riesenkreuz, erfasst einem wieder einmal Rios Zauber. Man spürt die Magie der Stadt. Das Gefühl geht auch den Ausländern unter die Haut. Und das liegt nicht an den ohrenbetäubenden Trommel- und den lauten Sambaklängen der Bands, die sich ständig abwechseln. Ganz Rio scheint wieder einmal auf den Beinen. Alles, was Rang und Namen hat und zurzeit nicht gerade in Kopenhagen ist, lässt sich blicken. Doch es ist nicht nur eine lokale Herzensangelegenheit. Das ganze Land mit seinen 180 Millionen Einwohnern steht hinter der Bewerbung. Immer wieder schalten die brasilianischen TV-Stationen in verschiedene Grossstädte. Überall das gleiche Bild: «Rio gewinnt.» Das «Wir-Gefühl» der Brasilianer ist nichts Neues. Bei jeder Fussball-WM spürt man das. Das Land ist gross, und viele Brasilianer sind der Überzeugung, man brauche niemanden. Tatsächlich ist Brasilien eines der wenigen Länder, das von der Wirtschaftskrise nicht erfasst wurde. In der Wirtschaftsmetropole São Paulo läuft die Börse weiterhin gut. Und die Läden sind voll. Die Menschen gehen aus. Etwas anders sieht es in Rio de Janeiro aus. Die Millionenstadt hat weniger Touristen als auch schon. Doch selbst die teuren Restaurants sind an einem Wochentag gut gefüllt. Die Brasilianer haben ihren Lebensstil kaum verändert. Doch für viele wären Olympische Spiele der Hammer. Taxifahrer quasselten schon vor zwei Tagen nur von der Wahl. Schon nach dem 1.Wahlgang jubelt die Copacabana. Für die Brasilianer war Chicago der gefährlichste Gegner – vielleicht auch wegen Präsident Barack Obama, den hier viele bewundern. Das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten ist in Brasilien nicht viel anders als im Rest von Lateinamerika. Man schwankt zwischen Bewunderung und Hass hin und her. Rio oder Madrid? Die Spannung steigt und erreicht um 12.30 Uhr einen ersten Höhepunkt. Der letzte Durchgang ist vollbracht. Nun heisst es eine Stunde warten. An der Copa spielt das keine Rolle. Vielleicht ein Vorgeschmack auf die kommenden Spiele. Die Menschen tanzen, singen und schwenken die olympischen Ringe. «Wir Cariocas sind die Besten», jubelt einer ins Mikrofon. «Wir haben viel gearbeitet», erklärt eine andere. «Wir würden die Spiele verdienen. Rio ist eine wunderbare Stadt.» Dem ist eigentlich nicht viel beizufügen. «Passion» hiess der Slogan Rios. Leidenschaft pur herrscht am Freitag nicht nur an der Copacabana, sondern in der ganzen Stadt. Endlich um 13.50 Uhr die erlösenden Worte aus Kopenhagen. Nach 49 olympischen Sommer- und Winterspielen kommt 2016 erstmals Südamerika zum Zug. An der Copacabana gibts kein Halten mehr. In Kopenhagen sagt Präsident Luiz Inácio Lula da Silva: «Wir wollen unser Land für die Welt öffnen. Brasilien wird daran wachsen und gesunden.» Und der Staatsführer ergänzt, in seinen 63 Lebensjahren habe er noch nie einen so magischen Moment für sein Volk erlebt wie diesen. In Rio schwebt derweil ein Riesentransparent über den Köpfen der Menge. «Rio loves you» kann man darauf lesen. Und die Menschen singen: «Sou Carioca con muito orgulho» (bin aus Rio und stolz darauf). Knallkörper werden überall in der Stadt in die Luft gejagt. Automobilisten hupen. Jetzt geht nur noch die Post ab. Gestandene Sportler bringen vor Emotionen kaum ein vernünftiges Wort heraus. Keine halbe Stunde nach der Vergabe bricht der Verkehr zusammen. Auch das ist Rio. Für Kritik gibts keinen Platz. Aber das ist ohnehin nicht Brasiliens Stärke. Heute heisst es ganz einfach: «Muita fiesta!» Und darin sind die Brasilianer ohnehin Weltmeister oder eben jetzt Olympiasieger. Christian JacobsenRio de Janeiro>

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