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Umzingelt von Freunden

Silvio BerlusconiItaliens Premierminister ruft in Talkshows an. Immer wieder. Immer überdrehter. Warum nur?Von Ilvo Diamanti* Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Es war an einem Abend in den Achtzigerjahren. Die Sendung hiess «Quelli della notte» – ein medialer Zirkus, der von Renzo Arbore orchestriert wurde. An jenem Abend traten viele grelle und überdrehte Persönlichkeiten auf, als plötzlich «Er» über die Sendung kam: der Präsident der Republik, der grosse Widerstandskämpfer Sandro Pertini. Mit einem ernsten Telefonat. Im Studio waren alle wie versteinert, hörten ihm gebannt zu, in Respekt erstarrt. Ist ja klar: Wann hatte es das schon gegeben? Und wer hätte es für möglich gehalten, dass es ein Scherz war – von Paolo Guzzanti, der den Präsidenten imitierte. Daran dachte ich, als am Montag gegen Ende von «L’infedele», einer Sendung von Gad Lerner auf La?7, ein Telefonat des Ministerpräsidenten angekündigt wurde, von Silvio Berlusconi also. Auch diesmal dachte ich: Das kann kein Scherz sein. Das dachte auch das Publikum im Studio. Mit dem Unterschied, dass sich die Gewissheit in diesem Fall auf Déjà-vus stützte. Berlusconi ist Stammgast in politischen Talkshows, ohne physisch anwesend zu sein. Er ruft ständig an. Bei «Ballarò» von Giovanni Floris. Früher auch bei «Annozero» von Michele Santoro. Die Talkmaster haben die Anrufe auch schon unterbrochen, wenn ihnen die Tiraden und Monologe zu viel wurden. Denn Berlusconi ruft an, um seiner Empörung Luft zu machen über die «Falschheiten», die im Fernsehen von seinen «Feinden» verbreitet würden. Widerrede lässt er nie zu. Er redet im Schwall und hängt wieder auf. «L’infedele» nannte er ein «widerliches Spektakel mit einer verächtlichen, schändlichen, abscheulichen Moderation». Manchmal versucht er auch, seine «Freunde» abzubeordern aus dem ihm «feindlichen» Ambiente. Wie etwa Iva Zanicchi, die Sängerin, die für seine Partei im Europaparlament politisiert. Doch Zanicchi, 71, weigerte sich, das Studio von «L’infedele» zu verlassen. In ihrem Alter lasse sie sich nicht mehr vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen habe. Nicht mal von ihrer Mutter. Berlusconi erträgt die wachsende Isolation immer schlechter, diese schleichende Delegitimierung. Es sind nicht nur mehr seine politischen Gegner und Richter, die ihn zur Rechenschaft ziehen wollen für sein fröhliches und buntes Privatleben mit jungen und sehr jungen Mädchen. Ein Privatleben, das er aus politischen Überlegungen stets ins Schaufenster gestellt hat – seit seinem Einstieg in die Politik. Mittlerweile gibt es auch unter seinen angeblichen Freunden viele, die nur noch den richtigen Moment abwarten, um Berlusconi zu betrügen, ihn fallen zu lassen. Es sind Leute, die viel von ihm erhalten haben: Geschenke, Privilegien, Macht. Öffentlich schwören sie noch immer ewige Treue. Hinter den Kulissen verhandeln sie aber schon lange mit dem Gegner. Berlusconi weiss das; er fühlt sich umzingelt. Immer wenn sein Zorn zu gross wird, greift er zum Telefon und ruft in die Sendungen an. Immer wieder. Beschimpft. Wird laut, wie es das Fernsehgeschäft, dessen grösster Unternehmer er in Italien ist, nun einmal verlangt. Ohne den anderen zuzuhören. Wettert, ohne Pause, mit aufgeregter Stimme. Gegen alle. Gegen seine Kritiker. Und gegen seine Freunde, die mit ihrer Präsenz bereits seine Feinde legitimieren. So sieht er das. Berlusconi ruft an, weil er niemandem mehr traut. Er traut nur sich selber. Er – allein gegen alle. Er, ganz einfach: alleine. Übersetzung: Oliver Meiler * Ilvo Diamanti (58) lehrt Politologie an der Universität von Urbino und schreibt viel beachtete Kommentare in der Römer Tageszeitung «La Repubblica». Wenn sein Zorn zu gross wird, ruft er an. Beschimpft. Wird laut. Wettert gegen alle – und legt auf. Silvio Berlusconi erledigt viel übers «telefonino».Foto: Michael Kappeler (AFP) Bildlegende.Foto: Vorname Name, Agentur

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