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«Uns austauschen stärkt uns»

Austauschen und sich stärken: Das bietet eine Selbsthilfegruppe. Weshalb, sagen Witwe Claudia Martig aus Steffisburg, Mobbing-Opfer Kurt Hofmann aus Thun und die an Polyneuropathie erkrankte Martha Grüneisen aus Diemtigen.

Im Kanton Bern gibt es über 260 Selbsthilfegruppen, 70 alleine in der Region Thun und im Oberland – und die Gründungen nehmend laufend zu. Brauchen die Menschen immer mehr und andere Hilfe?Claudia Martig: Das weiss ich nicht. Ich bin seit zehn Jahren verwitwet und trage die Verantwortung für meine beiden schulpflichtigen Söhne allein. Nun möchte ich eine Gruppe «verwitwet und alleinerziehend» gründen, damit wir uns gegenseitig motivieren, unterstützen und gemeinsam etwas unternehmen können.Martha Grüneisen: Als ich 1998 die Diagnose Polyneuropathie erhielt, fühlte ich mich sehr alleine und initiierte eine Selbsthilfegruppe. Der Austausch mit Menschen in einer gleichen Situation war und ist immer noch eine grosse Unterstützung.Wie wichtig ist die Selbsthilfe?Karl Hofmann: Selbsthilfegruppen sind Zapfsäulen; also Orte, an denen Menschen dank zwischenmenschlichen Beziehungen und dem gegenseitigen Austausch Energie tanken können.Grüneisen: Selbsthilfegruppen helfen mit, öffentliche Gelder einzusparen. Deshalb sollten Ärzte und Behörden sie mehr wertschätzen und unterstützen.Martig: Die Selbsthilfe ist für uns wichtig. Denn viele Informationen kommen nicht oder nur gegen teures Geld zu uns.Was ist eigentlich Polyneuro-pathie?Grüneisen: Meine Nervenbahnen sind geschädigt, weshalb ihre Leitfähigkeit vermindert ist. Am meisten betroffen sind Arme, Hände, Füsse und Beine. Wegen der mangelnden Leitfähigkeit werden Organe zum Teil ungenügend bedient, weshalb deren Funktion beeinträchtigt wird. Wie wird die Krankheit diagnostiziert?Grüneisen: Erste Anzeichen sind Gefühlsveränderungen an Füssen und Händen. Tückisch ist, dass zum Beispiel bei Herzproblemen trotz Elektro-Kardiographie keine Funktionsstörung sichtbar ist. Es kann lange dauern, bis die Diagnose Polyneuropathie gefunden wird. Messbar ist lediglich die Übertragung eines Befehls in den Nervenbahnen.Herr Hofmann, weshalb initiieren Sie eine Mobbing-Gruppe?Hofmann: Meist sind sich die Probleme ähnlich: Wegen engen finanziellen Verhältnissen werden Hilfeleistungen zu teuer. Man fühlt sich allein oder wie selbst verschuldet und als Simulant dargestellt. Der Austausch auf «gleicher Augenhöhe» stärkt das Selbstbewusstsein und damit die Gesundheit und fördert die Bereitschaft, sich nicht mehr nur als Opfer zu sehen.Was ist denn für Mobbing-Betroffene am schlimmsten?Hofmann: Oft sind der Verlust der Stelle die Folge; aber auch psychische Probleme. Diese wahrzunehmen und sie sich und dem Umfeld einzugestehen, braucht eine gewisse Zeit. Mich hat die Auseinandersetzung mit meinem Chef in Depressionen gestürzt. Ich habe intensiv und mit fachlicher Unterstützung an mir gearbeitet.Ersetzt die Gruppe eine Therapie?Grüneisen: Je nach Krankheit oder Problem braucht jede Person eine fachliche oder medizinische Unterstützung.Martig: Nein. Der Zweck einer Selbsthilfegruppe ist, dass Menschen sich zum Beispiel auch in rechtlichen Belangen oder bei Fragen mit Behörden unterstützen können. Hofmann: Nein, doch ist eine Gruppe ebenso wichtig.Grüneisen: Auch kann sie in bestimmten Dingen mehr erreichen als eine Einzelperson.Was ist Mobbing in Ihren Augen?Hofmann: Mobbing ist zum Beispiel, wenn jemand unterdrückt, nicht ernst genommen, manipuliert, lächerlich gemacht oder verdrängt wird. Frau Martig, sehen Sie gewisse Parallelen zu Ihnen?Martig: Ja. Sei dies mich mit der Trauer, der Erziehung und anderem alleine und überfordert zu fühlen.Fühlen Sie sich quasi vom Leben gemobbt?Martig: Sicher! Nur ein Beispiel: Ich habe mehrmals erlebt, dass ich als Alleinerziehende eine Absage für eine Wohnung erhalten habe, mit dem Argument, man wolle eine ganze Familie.Grüneisen: Bei jedem Problem gibt es Mobbing. Wer wie sie verwitwet ist, hat nicht dieselben Voraussetzungen wie ich. Mich unterstützt mein Mann.Fühlen Sie sich nie benachteiligt?Grüneisen: Doch, das kommt vor. Einmal wartete ich vor dem Behindertenparkplatz, bis er frei wird. Als der Autobesitzer zurückkam, sah ich, dass er nicht behindert ist. Er lade Waren ab und könne jetzt nicht weg. Auf mein Intervenieren hin sagte er, was denn Blinde im Vergleich zu mir für eine Berechtigung hätten. Erst, als ich mit der Polizei drohte, fuhr er weg.Hofmann: In einer Bewerbung von Mobbing oder Depressionen zu erzählen, macht Angst. Denn wie gross ist dann das Risiko, nicht angestellt zu werden? Stehen Angehörige nicht näher als Fremde in einer Gruppe?Grüneisen: Oft können die Nächsten weniger gut auf das Problem eingehen, weil sie ebenso belastet sind und alles mittragen. Mein Problem ist auch ihres. Deshalb tut es gut und kann leichter sein, mit Fremden, die das Problem kennen, über sich zu sprechen.Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?Grüneisen: Ich wünsche mir, dass ich mit meiner Situation bestmöglich umgehen und den anderen gerecht werden kann.Martig: Mein grösster Wunsch ist, dass wir in der Gruppe etwas unternehmen, zusammen lachen und weinen können. Hofmann: Dass ich eine Stelle finde, mich selber wertschätze und mir und den anderen wieder mit einem Lächeln und zufrieden begegnen kann.Franziska StreunClaudia Martig (38) wohnt in Steffisburg und will eine Selbsthilfegruppe «verwitwet und alleinerziehend» initiieren; Martha Grüneisen (66) wohnt in Diemtigen sucht für die einst von ihr gegründeten Gruppe Polyneuropathie weitere Mitglieder. Karl Hofmann (50) wohnt in Spiez und ist dabei, eine Mobbing-Gruppe ins Leben zu rufen..>

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