Zum Hauptinhalt springen

Verschwindet das gedruckte Buch?

An der Frankfurter Buchmesse werden sich die Tische ab dem 14. Oktober biegen unter der Flut neu gedruckter Bücher. Aber die Tage ihrer Herrschaft könnten gezählt sein, E-Books und kundenfreundliche Lesegeräte sind im Vormarsch. Leser, Buchläden und Verlage spüren schon den digitalen Wandel.

Aufmerksamen Käufern fallen die Lücken im Angebot der Buchläden bereits auf. Noch stehen keine Regale leer. Aber es gibt eine wachsende Anzahl Werke, die es als herkömmliche, auf Papier gedruckte Bücher gar nicht mehr gibt. Sie sind ins Reich der elektronischen Zeichen abgewandert. Schrumpfende Buchläden? Ein unübersehbares Loch hinterlässt der Brockhaus. Die jüngste Druckauflage des legendären Nachschlagewerks von 2006 umfasst 30 Bände, die im Regal nicht weniger als anderthalb Laufmeter belegen. 2008 entschieden sich die Herausgeber – wegen miserabler Verkaufszahlen der teuren Druckausgabe –, das Lexikon künftig nur noch als aktualisierbare Onlineversion zu publizieren. Wie die Konkurrenz Wikipedia. Auch gewisse Fachbücher sind nur noch elektronisch erhältlich. Und an Stelle von Reiseführern und Landkarten auf Papier, die nicht auf dem neusten Stand sind, kaufen Reisende lieber aufdatierte Onlineversionen. Spätestens seit dem Brockhaus-Schock geistert ein Schreckensszenario durch die Buchbranche: Das E-Book verdrängt das gedruckte Buch; Bücher aus Papier werden zum Liebhaberobjekt für eine schmale, traditionsbewusste Klientel. Wie einst die Vinylschallplatten. Man kann sich also ausmalen, dass sich ein mehrstöckiges Bücherkaufhaus wie Stauffacher in Bern in naher Zukunft Etage für Etage entleeren wird, als herrsche dort ein schleichender Totalausverkauf. In 50 Jahren könnte Stauffacher noch ein Büroraum ohne Publikumsverkehr sein, wo der Server steht, über den man Bücher auf ein elektronisches Lesegerät lädt. Im Untergeschoss des Kaufhauses Loeb, wo sich heute die Thalia-Buchhandlung befindet, würden dann wieder handfeste Produkte angeboten, die sich nicht elektronisch ersetzen lassen: Kleider, Schuhe, Lebensmittel. Kein Grund zur Panik «Das ist eine medial angeheizte Angstfantasie», dementiert Pascal Schneebeli, Geschäftsführer der Buchhandelsgruppe Thalia Schweiz, zu der auch Stauffacher gehört. Der Berg der gedruckten Bücher wachse unvermindert weiter, versichert er und gibt Entwarnung: Die Buchläden würden auch in 30 Jahren immer noch voller Bücher aus Papier sein. Rund 100000 gedruckte Neuerscheinung würden derzeit jährlich allein in deutscher Sprache auf den Mark geworfen. Und jedes Jahr seien es noch etwas mehr. Thalia habe derzeit rund eine Million deutschsprachige Bücher auf Papier im Angebot, sagt Schneebeli. Dieser Masse stünden in elektronischer Form gerade mal 60000 Fach- und Sachbücher und erst 10000 Belletristik-Titel gegenüber. Nur gerade 7 Prozent der Bücher sind also papierlos. Von einer Verdrängung des gedruckten Buchs könne keine Rede sein, schliesst Schneebeli. Das multimediale Buch Sein Optimismus strahlt auch in die nähere Zukunft. Bald würden wir die «multimediale Darreichungsform des Buchs» erleben. Konkret: Der Kunde habe dann die Wahl, ob er einen Text als gedrucktes Buch, als Hörbuch oder als elektronisches Buch kaufe. Es werde einen lukrativen «Kumulationseffekt» geben. Zum Geschäft mit den gedruckten komme das mit den elektronischen Büchern hinzu. Man gehe davon aus, dass der Umsatz im Buchhandel auf hohem Niveau stagniere. Tritt denn das Buch nicht mit anderen Medien wie TV, Presse oder Online in einen immer schärferen Konkurrenzkampf um die beschränkte Ressource Aufmerksamkeit? Studien zeigten, dass es zwar mehr Nichtleser gebe, dass die Leser aber immer mehr lesen, entgegnet Schneebeli. Aufbruch des E-Books Verkäufer, Verleger und Leser können sich mit dem vertrauten gedruckten Buch in der Hand offenbar beruhigt zurücklehnen. Das elektronische Buch gebe es zwar schon seit 2002, sagt Schneebeli, aber es dringe erst jetzt ins öffentliche Bewusstsein, nachdem an der letztjährigen Frankfurter Buchmesse portable elektronische Lesegeräte präsentiert worden seien. Man muss hier vielleicht erklären, was ein elektronisches Buch war und ist. Noch im vorletzten Jahr war es ein auf unbewegliche PDF-Dateien kopiertes Buch, das man mühsam am Computerbildschirm las oder auf Papier ausdruckte. Nun aber kommen immer bessere, leicht zu bedienende elektronische Lesegeräte auf den Markt, sogenannte Reader (siehe Text nächste Seite), auf die sich in Internetshops – wie dem Musikladen iTunes von Apple – ganze Romane herunterladen lassen. Solche elektronische Fliesstexte, die man auf dem dazugehörenden Reader liest, heissen E-Books. Ihr Marktanteil ist zwar noch klein, aber er legt schon mächtig zu. Denn seit letztem Jahr gibt es nun immer mehr Bestseller der Belletristik für das breite Publikum als E-Book. Wunschfantasien Hat das Papierbuch vom E- Book wirklich nichts zu befürchten? In den USA, wo der E-Book-Handel etwa ein Jahr Vorsprung hat, mache er erst knapp 4 Prozent des gesamten Buchbranchenumsatzes aus, beruhigt Pascal Schneebeli. Eine Kannibalisierung des gedruckten Buchs durch das E-Book finde nicht statt. Ob das auch in vier, fünf Jahren noch so ist, kann derzeit niemand wissen. Das hängt vor allem vom Kaufverhalten der Kunden ab. Wer hätte vor zwanzig Jahren darauf gewettet, dass heute jeder mit einem Handy telefoniert? Dass in Zukunft alle Erscheinungsformen des Buchs ohne Verluste nebeneinander existieren, das dürfte vermutlich eine Wunschfantasie zweckoptimistischer Buchhändler sein. Werden nur jüngere Trendfreaks zu den elektronischen Readern greifen? Allzu sicher sollten die Liebhaber des guten alten Buchs nicht sein, die heute behaupten, dass sich das Lesen auf Readern nie breit durchsetzen werde. «Sofort dahintergehen» Was spürt man im grössten Bücherlager der Schweiz von der anrollenden digitalen Revolution? «Es wird enger für das gedruckte Buch», sagt Andreas Grob, der CEO des Buchzentrums im solothurnischen Hägendorf bei Olten, wo 5,5 Millionen gedruckte Bücher für die Schweizer Buchläden zwischengelagert werden. «Man muss jetzt dahintergehen, um den Anschluss nicht zu verpassen», sagt der dynamische Grob. Das Buchzentrum sei deshalb Vertriebspartner des Sony-Readers und baue buchdigital.ch auf, die Downloadplattform mittelgrosser Schweizer Buchläden für E-Books. Grob denkt vom Leser und Käufer aus. Er hat deshalb im Selbstversuch in den Ferien den Sony-Reader getestet. Bis auf die Momente, wo ihn das bisweilen stockende elektronische Umblättern ärgerte, war Grob, ein Liebhaber gedruckter Bücher, vom neuen Lesegerät begeistert. Er glaubt zwar nicht, dass man Bücher bald auf einem kleinen Handy lesen wird wie dem iPhone, für das Apple schon 450 Buchtitel zum Herunterladen anbietet. Der grössere, aber handliche Reader, der das Bücherschleppen erspart, könne eine echte Konkurrenz für das gedruckte Buch werden. Vor vorschnellen und radikalen Prognosen hütet sich Grob. Als 1995 der Onlinebuchhandel begann, habe man den Tod des Buchladens vorausgesagt. Heute betrage der Marktanteil des Onlinebuchkaufs 13 bis 15 Prozent. Er lege aber stetig zu und werde sich in den nächsten 25 Jahren wohl mindestens auf 30 bis 40 Prozent verdoppeln. Eine ähnliche Entwicklung sieht Grob für das E-Book voraus. Und die werde den Buchhandlungen zweifellos zusetzen. Teure digitale Umrüstung Ist das gedruckte Buch nun bedroht oder nicht? Klar ist: Auch wenn das Stück vom Kuchen, das sich das E-Book gesichert hat, noch klein ist, setzt es die Produzenten und Verkäufer gedruckter Bücher schon heute gehörig unter Druck. Dani Landolf, der Geschäftsführer des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV), sieht seine Branche in einer «Übergangsperiode». Er schätzt, dass die E-Books einmal einen Marktanteil von 20 bis 30 Prozent erringen dürften. Viele Verlage seien daran, sich umzurüsten, um ihre Neuerscheinungen gleichzeitig auf Papier und als E-Book anbieten zu können. Das bedeute zunächst einmal hohe Investitionen. In der aktuellen Krise wird das die Buchbranche und insbesondere kleinere Verlage belasten. Auf dem Weg zum digitalen Buch sind die Verlage unterschiedlich weit. Wer jetzt nicht aufs elektronische Feld expandiert, ist schlecht gewappnet für die Zukunft. Der vom Berner Verleger Egon Ammann begründete, gleichnamige Zürcher Verlag stellt seinen Betrieb im kommenden Frühjahr auch deshalb ein, weil er vor dem Aufwand der Digitalisierung kapituliert. Der renommierte Zürcher Diogenes-Verlag «verfolgt die Entwicklung und macht technische Vorbereitungen», sagt dessen Marktleiter Stefan Fritsch. Was im Klartext heissen könnte, dass Diogenes noch wenig unternommen hat. In Bewegung ist der Frankfurter S.-Fischer-Verlag, der seine Bücherproduktion für viel Geld auf das XML-Textformat umstellt, mit dem sich ein Text sowohl als E-Book wie auch als gedrucktes Buch publizieren lässt. Fischer redigitalisiert überdies seine älteren Titel auf der neuen XML-Basis. Brutale Schrumpfkur? Wer wissen will, wie die Zukunft des Buchs aussieht, der muss dem Käufer und Leser auf die Finger schauen. Ihn dürfte nicht nur das schöne Design zu den Lesegeräten hinziehen, sondern auch der Preis der E-Books. Und der könnte verdammt billig werden. Denn der aufwändige Druck und Vertrieb fällt beim elektronischen Buch weg. Die neusten Lesegeräte wie der Sony Reader oder der Kindle des Internetbuchladens Amazon kosten noch 350 Franken. Die E-Books bietet Amazon zum Discountpreis von 9,99 Dollar an. Für den Leser könnte die Rechnung in Zukunft schnell gemacht sein: Lieber ein Reader mit gespeicherter Bibliothek als ein teures Designbüchergestell im Wohnzimmer. Ab dem dreissigsten E-Book, das man kauft, könnte der Reader schon amortisiert sein. Wenn die Buchpreise fallen, wird das für den Buchhandel und die Verlage eine harte Schrumpfkur bedeuten, ja sogar deren Geschäftsmodell bedrohen. Amazons 9,99 Dollar sei ein «Kampfpreis», relativiert Dani Landolf. Die Kosten für Lektorat, Übersetzung und Marketing sowie die Gewinnbeteiligung des Autors würden sich auch bei einem E-Book summieren, wenn es qualitativ hoch stehend sein solle. Es gebe deshalb einen Verlagskonsens, dass ein E-Book in Zukunft zwar weniger als eine Hardcover-Druckausgabe, aber etwa gleich viel wie ein Taschenbuch kosten werde. Sorgloses Internet Das könnte Wunschdenken sein. Denn das E-Book gehört in die Onlinewelt, in der sich die Kunden kostenlose Information gewohnt sind und in der es mächtige Player gibt, die den traditionellen Buchhandel in eine Verliererrolle drängen könnten. Das erfuhr die US-Verlagsszene, als Marktleader Google begann, in US-Bibliotheken Tausende von Büchern – mittlerweile sind es 7 Millionen – einzuscannen und als E-Books gratis ins Netz zu stellen. Google publizierte auch Bücher, deren Urheberrechtsfrist noch nicht abgelaufen ist. Nun haben sich die US-Verlags- und Autorenverbände in einem Vergleich eine mediokre Abgeltung erstritten. Die Leser kümmern solche Fragen wenig. Sie müssen sich noch an ein Wohnzimmer ohne Bücherwand gewöhnen. Wenn es so weit ist, geht das E-Book auf die Überholspur. Stefan von BergenDer Autor: Stefan von Bergen (stefan. vonbergen@bernerzeitung.ch) ist «Zeitpunkt»-Leiter. >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch