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Wenn Athen die Welt regiert

Der G-20-Gipfel im französischen Cannes lebte zum Auftakt ganz und gar im Rhythmus der griechischen Wirren.

Von Oliver Meiler, Cannes Da treffen sich alle Mächtigen der Welt zum Gipfel in Cannes, stellvertretend für zwei Drittel der globalen Bevölkerung und 90 Prozent der Weltwirtschaftskraft &endash und worüber reden die 20 Staats- und Regierungschefs? Fast nur über Griechenland, über dessen Schulden und über die Absichten von dessen Premierminister, von dem viele Delegierte und Journalisten aus etwas ferneren Ländern bis vor kurzem wohl noch nie den Namen gehört hatten: Giorgos Papandreou. Der sass am Donnerstag nach einer frostigen Kurzvisite in Cannes, wo ihn Nicolas Sarkozy und Angela Merkel der Illoyalität gescholten hatten, wieder in Athen &endash und bestimmte von dort aus die schnell wechselnden Gemütslagen der G-20-Teilnehmer in Cannes. Ein Crescendo der Gerüchte Tritt er ab? Ist er schon zurückgetreten? Bietet er etwa Hand zu einer Notregierung der nationalen Einheit? Oder bleibt er hart und wartet das Vertrauensvotum von heute Freitag ab? Sagt er das geplante Referendum ab? Die Gerüchte jagten sich den ganzen Tag. Nichts interessierte mehr in den Hallen des Palais des Festivals von Cannes. Die politischen Wirren in Griechenland blendeten alle anderen Themen des Gipfels aus, die prioritär hätten behandelt werden sollen: die Anschiebung der schleppenden Weltwirtschaft, die Regulierung der Finanzmärkte mit einer besseren Kontrolle über die Banken und deren Boni, die Reform des Weltwährungssystems und ja, auch die Entschärfung der explodierenden Lebensmittelpreise &endash ein dramatisches Problem für Millionen von Menschen. Man kann also sagen, dass die Griechen gestern die Welt regierten. Und Europa sah dabei nicht eben gut aus, weil die Ungewissheit nur seine Unfähigkeit illustrierte, die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Der chinesische Präsident Hu Jintao, von dem sich die Eurozone die Zusage von vielen Milliarden zur Stützung ihres Stabilitätsfonds erhofft, liess die Europäer wissen, man wünschte sich vorab etwas mehr Garantien. Ähnlich redeten die Japaner. Und Russlands Präsident Dmitri Medwedew sagte: «Ich will niemandem zu nahe treten, doch ich denke, dass unsere Partner (in Europa) ihre Probleme viel dynamischer und entschlossener angehen sollten, um Ordnung zu schaffen. Ansonsten werden wir noch lange Geiseln dieser Probleme sein.» Gemeint waren die Schuldenberge und die laxe Budgetdisziplin in vielen Ländern der Eurozone. Glückwünsche für das Bébé Und so wurde in Cannes schon rege die Frage diskutiert, was geschehen würde, wenn Griechenland die Einheitswährung verlassen würde. Wäre die Eurozone damit ein Problem los? Oder wäre ein destabilisiertes Griechenland nur der Beginn neuer Probleme in einer volatilen Region am Rand des Kontinents? Und müsste Griechenland dann auch die Europäische Union verlassen? Gastgeber Nicolas Sarkozy sah im Verlauf des Tages zusehends abgekämpft aus. Er hatte sich diesen Gipfel so ganz anders vorgestellt: viel ungriechischer, viel französischer. Nur einmal lächelte er. Es war eine recht surreale Szene in der langen und fiebrigen Sequenz von Krisensitzungen: Barack Obama gratulierte dem Franzosen vor laufenden Kameras zu dessen Nachwuchs, zu Giulia, der kürzlich geborenen Tochter, dem «Bébé de la République». Gründe für politische Glückwünsche gab es nun mal keine. Bildlegende. Foto: Vorname Name (Agentur) Als der Grieche wieder weg war: Die G-20-Vertreter versammelten sich in aufgeräumter Stimmung zum Gruppenbild. Foto: Reuters

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