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Wenn die Bremsklötze glühen und der Teddy mitfährt

In Buchs fuhren gestern rund 100 Jungen und Mädchen in Seifenkisten um die Wette. Manche bremsten lieber, als eine Verletzung zu riskieren; andere fuhren, nicht ohne ihren Glücksbringer mitzunehmen.

Von Dominique Marty Buchs – Wer später bremst, fährt länger schnell. Diese Binsenwahrheit gilt für alle Seifenkistenpiloten – auch wenn sie nicht zwingend zum Sieg führen muss. Das haben gestern rund 100 Mädchen und Buben am Seifenkistenderby in Buchs erfahren. Mit Spitzengeschwindigkeiten von gut 50 Kilometern pro Stunde brettern sie den Hang hinunter, umkurven Schikanen, optimieren vor der engen Zielkurve die Geschwindigkeit und ducken sich auf der Zielgeraden in ihre Kisten, um noch letzte Hundertstel in der Zeit herauszuholen. Nicht allen gelingt dieses Kunststück. Der 16-jährige Cédric Gsell nimmt im zweiten Lauf die Kurve zu schnell und schleudert so rasant ins Weizenfeld, dass Erde im hohen Bogen auf die Piste spritzt. «Die Bremsklötze glühen» Aurelio Ciovestri, der in einer gelb bemalten Seifenkiste mit TCS-Logo das Rennen bestreitet, kennt solche Probleme nicht. Gemächlich und vorausschauend lässt sich sein Fahrstil am besten beschreiben. «Da glühen ja die Bremsklötze», sagt ein Zuschauer und schmunzelt, als der Achtjährige nach rund drei Minuten durch den Zielbogen ruckelt. Zum Vergleich: Die Spitzenfahrer bewältigen die Strecke in gut einer Minute. Marc Wixinger aus Schleinikon zählt zu den besten Unterländer Fahrern an diesem Pfingstmontag. Unter den Pilotinnen befindet sich auch die zehnjährige Johanna Lademann aus Neerach. Vor zwei Jahren besuchte sie mit ihrem Bruder und ihrem Vater das Rennen und fiel damals am Streckenrand auf, weil sie sich eine grosse Kartonschachtel umgeschnallt hatte, die an Schnüren über ihren Schultern baumelte. Aus Karton hatte sie Räder und ein Steuerrad ausgeschnitten und so ihre eigenes Seifenkistenmodell gebaut. Am liebsten wolle sie selbst mitfahren, verriet sie damals der Lokalpresse. Jeannette Lippuner aus Otelfingen las den Bericht, und ihr gefiel Johannas Bastelei. Sie schenkte dem Mädchen die alte Seifenkiste ihres Sohnes, die seit 20 Jahren bei ihr im Keller stand. Nun stehen Johanna und ihr achtjähriger Bruder Tom erstmals mit ihrer Kiste auf dem Hügel im Buchser Boxendorf und warten auf das Startzeichen.«Wir haben die Seifenkiste neu angemalt», sagt die Zehnjährige und zeigt auf den blauen Wagen, an dessen Seite züngelnde Flammen prangen. «Die Kiste ist leichter als die meisten anderen, dafür ist sie sehr wendig», sagt sie. Das habe sie bei den Trainings festgestellt, die sie regelmässig auf einer geheimen Teststrecke in Neerach durchgeführt hatte. Lieber langsam als im Spital Es ist genau diese Wendigkeit ihrer Kiste, die Johanna während des Rennens zum Verhängnis wird. Mutig lässt die Zehnjährige ihr Gefährt im steilen Hangstück rollen und nimmt gekonnt die ersten Kurven. Das Tempo steigt, die Kurven werden enger – da brettert die kleine Pilotin in ein orangefarbenes Hütchen, das sich auch noch im Rad verfängt. Die Streckenposten sprinten auf die Piste, um das Hütchen zu befreien und die Pilotin wieder auf Kurs zu bringen. Dennoch gibt es Strafsekunden. Johanna landet am Ende des ersten Laufs auf dem zweitletzten Platz. Sie nimmt es gelassen und sagt lachend: «Es geht ja mehr um den Spass und nicht darum, im Spital zu landen.» Ihr achtjähriger Bruder Tom sei schneller als sie. «Weil er schwerer und grösser ist als ich – und weil ich viel besser bin im Bremsen.» Mit deutlich mehr Wettkampfgeist bestreiten andere Pilotinnen und Piloten das Rennen. Im «Boxendorf» beim Start warten Väter und erfahrene Brüder nach jedem Lauf die Seifenkisten, schmieren die Lager, montieren Räder und polieren den Lack der fantasievoll bemalten Wagen. Hier geht es um Rang und Ehre. «Wenn ich auf den dritten Platz komme, bin ich zufrieden mit dieser Saison», sagt ein junger Pilot zu seinem Freund. Dieser nickt ernst. Ein anderer schreitet zur Mittagszeit die Rennstrecke mit seinem Vater ab. Bei jeder Kurve überlegen sie, mit welchem technischen Kniff die Schikanen am besten zu bewältigen sind. Später wird er seinen Plüschbären auf seine Kiste schnallen und so gewappnet ins Rennen steigen. Allein aufs Können mag hier niemand setzen. Nach jedem Lauf warten Helfer die Seifenkisten, damit diese die Höchstgeschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde erreichen. Fotos: Balz Murer

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