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«Wer Junge wegsperrt, züchtet Verbrecher»

Der Adliswiler Hansueli Gürber ist leitender Jugendanwalt der Stadt Zürich und züchtet Reptilien seit er zwölf ist. Er spricht über jugendliche Stricher im Gefängnis, die Verminderung der Jugendgewalt und seine Faszination für Echsen.

Mit Hansueli Gürber sprach Marianne Bosshard Ich bin überrascht. Ich habe damit gerechnet, Sie mit langen Haaren anzutreffen. Aus Versehen sind meine Haare momentan viel zu kurz. Mein Erscheinungsbild hat nämlich schon eine Bedeutung. Ich versuche damit den Erwartungen zu widersprechen. Ein Jugendanwalt mit langen Haaren – das verblüfft Jugendliche und Eltern. Das öffnet, denn es bringt das Gegenüber dazu, die vorbereitete Strategie über Bord zu werfen. Was reizt Sie an Ihrem Beruf? Dass ich mitten im «Gstrütt» bin. Es ist eine Mischung aus juristischer, sozialer und pädagogischer Tätigkeit. Man jongliert zwischen Geschädigten, Jugendlichen, Eltern, der Öffentlichkeit und den Medien. Früher, als ich als Richter arbeitete, fehlte mir das. Der Richter sitzt oben, der Angeklagte unten. Da findet keine Auseinandersetzung statt. Das sind scharfe Worte. Die Richter haben eine andere Aufgabe. Aber ich finde aber, dass die den Strafvollzug kennen sollten. Auch wenn der Job einfacher ist, wenn man jemandem sechs Jahre «Kiste» gibt und sich nichts darunter vorstellen kann. Jedoch muss man sich keine Illusionen machen: Ein 19-jähriger, hübscher Jüngling wird im Gefängnis zum Stricher, und ist im Gefängnis besser eingedeckt mit Heroin als auf jeder Gasse. Das 2007 eingeführte Jugendstrafrecht hat die maximale Strafdauer auf vier Jahre hinaufgesetzt. Ein falscher Schritt in Ihren Augen? Das Wichtige ist nicht das Strafmass, wichtig sind die Schutzmassnahmen. Denn wenn man Jugendliche hermetisch abriegelt, züchtet man Verbrecher. Man hat vielleicht ein paar Jahre Ruhe, aber ausgespuckt wird dann ein knallharter Knacki. Kritisch finde ich vor allem, dass im neuen Strafrecht Schutzmassnahmen wie ein Aufenthalt im Jugendheim nur noch bis ins Alter von 22 Jahren und nicht mehr bis 25 möglich sind. Ein knapp 18-jähriger Mörder, der sich weigert, an sich zu arbeiten, und gemütlich seine vier Jahre abhockt, muss unter Umständen nach null Lernprozess mit 22 Jahren entlassen werden. Stimmt das Bild, dass Jugenddelikte immer brutaler werden? Medien und Politik verzerren es. Wir sind heute an einem Punkt angelangt, an dem es zu einem Haftgrund werden kann, wenn die Presse von einem Delikt erfährt. Ich war 13 Jahre lang Pressesprecher und weiss, wie schwierig es ist, eine positive Meldung in die Medien zu bringen. Im vergangenen Jahr zum Beispiel nahm die Jugendkriminalität um zwanzig Prozent ab, eine Meldung, die auf Seite 7 landete. Worauf führen Sie diese starke Abnahme zurück? Ich habe das Gefühl und die Hoffnung, dass nun eine neue Generation Jugendliche kommt, die sich gerade durch weniger Gewalt abgrenzen will. Aber man muss auch sehen, dass 60 Prozent der Jugenddelikte absolute Kleinigkeiten sind. Weitere 30 Prozent sind intensivere Delikte wie Diebstahl. Aber dem Alter entsprechend haben auch diese damit zu tun, Grenzen auszuloten. Und die restlichen 10 Prozent? Das sind Delikte, die vor einem absolut chaotisch-desolaten Familienhintergrund entstehen. Hier müssen wir genau hinschauen. Denn Jugendliche werden immer aus einer Riesenansammlung von Enttäuschungen, Beziehungsabbrüchen und Ohnmachtsgefühlen heraus kriminell. Riss Ihnen der Geduldsfaden im Umgang mit Jugndlichen nie? Nein, es muss einfach eine positive Tendenz sichtbar sein, wie in einem aktuellen Fall: ein Jugendlicher, der sich auf das Knacken von Superautos spezialisiert hat. Vier Jahre ist er bereits bei mir. Waren es früher schon mal vierzig Delikte in zwei Wochen, vergehen heute fünf Monate ohne Diebstahl. Das einzelbetreute Wohnen hat Wirkung gezeigt. Er klaut und man beschenkt ihn mit einer Wohnung? Ich kann nachvollziehen, dass das stört. Aber man muss entscheiden, ob man auf Vergeltung aus ist oder man einem Jugendlichen die Chance gibt, sich zu entwickeln. Ein offenes, betreutes Wohnen zum Beispiel löst bei Jugendlichen die Bereitschaft aus, an sich zu arbeiten: Sie haben plötzlich etwas zu verlieren. Und es ist eine Massnahme, die nur halb so teuer ist wie ein Heimplatz. Sie waren Richter, Staatsanwalt, spezialisiert auf Drogendelikte, Leiter der Jugendanwaltschaft Horgen. Was war für Sie die prägendste Zeit? Nach meinem Studium arbeitete ich als Aufseher und später als Rechtsberater für die Gefangenen des Gefängnisses in Regensdorf. Die atmosphärische Dichte einer «Kiste» erlebt man nirgends sonst. Wie meinen Sie das? Obwohl es im Knast oft friedlicher als in jedem Grossbetrieb ist, erlebte ich Extremsituationen. Wie beruhige ich einen, der Köllnisch Wasser säuft, seinen Grind immer wieder auf den Tisch schlägt? Vieles läuft dann nach ganz archaischen Regeln ab, das Nonverbale wird unheimlich wichtig. Das merke ich auch in meiner heutigen Arbeit mit Jugendlichen immer wieder. Ihr Zuhause ist auch atmosphärisch dicht – auf tierische Art: Sie züchten Reptilien. Tiere faszinierten mich schon immer. Als ich zwölf Jahre alt war, kaufte ich meine erste Schlange. Eine, die nur Fisch ass. Denn Mäuse zu verfüttern, hätte ich nicht übers Herz gebracht. Dann wuchs es: Feuersalamander, Frösche, Leguane. Ich brauchte drei Jahre, bis das erste Jungtier aus einem Ei meines Geckos schlüpfte. Sie züchteten bereits als Kind? Ja, mein Zimmer war ein einziges Terrarium. Heute kann bei den Reptilien selbst der Zoo Zürich nicht mehr mit mir mithalten. 70 Terrarien habe ich. Mit 100 Schlangen, sicher 20 Echsen und 30 Schildkröten. Zuerst waren allesamt im Untergeschoss meines Hauses oder im Garten untergebracht. Als meine Kinder flügge wurden, expandierte ich in den oberen Stock. Können Sie nachts ruhig schlafen? Sicher. Jeder Goldhamster ist viel gefährlicher als Reptilien. Der kann die ganze Fingerkuppe abbeissen. Ein Schlangenbiss hinterlässt nur vier blutende Punkte. Giftige Schlangen hatte ich nie. Das Plüschige ist wohl nicht so Ihres? Ich mag Schlangen, gerade weil alle Leute sie «grusig» finden. Das liegt in meiner Eigenart: Wenn viele einer Meinung sind, reizt es mich, eine Konträrposition einzunehmen. Leguane sind aber wie Hunde. Als ich klein war, ass meiner zwei Wochen lang nicht, wenn ich in den Ferien war. Und er schlief in meinem Bett.

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