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Wo Hundefutter plötzlich zum Stammbaum wird Das Rauschen der Blätter

B-Side Dreiviertelwissen Das Leben bringt es mit sich, dass man ab und zu irgendwo landet oder strandet, wo man weder hingehört noch hinwollte. Beispielsweise in einer Gletscherspalte. In einer Damentoilette (als Kerl). Oder bei einer Pferdeauktion. Obwohl schon viele grosse Autoren über den Kitzel einer Pferdewette geschrieben haben, hab ich selbst noch nie eine platziert. Schlimmer noch, bis am Samstag hatte ich nicht mal einen Fuss auf eine Pferdrennbahn gesetzt. Nun aber hockte ich plötzlich in Dielsdorf an einer Pferdeauktion, durfte am Kapitänstisch (der heisst bei Pferdeauktionen sicher anders, hat aber den gleichen Stellenwert wie der Cheftisch auf Ozeandampfern) das Diner einnehmen, während mir und 100 anderen Gästen prächtige Rennpferde vorgeführt wurden. Als der deutsche Auktionator, definitiv ein Champion seines Fachs, von «rahmigen Hengsten» sprach, kam ich kurz ins Stutzen, setzte aber sofort eine Pokerfratze auf; die mangelnde Fachkenntnis blieb unbemerkt. Als der Auktionator jedoch kurz darauf das «prächtige Pedigree» einer Stute hervorhob, war ich nachhaltig irritiert. Was haben Pferde mit Hundefutter zu schaffen? Werden sie dadurch läufiger? Gar rahmiger? Mein Tischnachbar, wohl ein besserer Zocker als ich, schaute mich an, lächelte und sagte: «Pedigree bezeichnet bei Pferden den Stammbaum». Mässi. (thw) Natur pur Neben verschneiten Gipfeln und Berg-bächen sind herbstgefärbte Bäume wohl das beliebteste Schweizer Kalendermotiv. Dazu stellt man sich Hintergrundmusik aus Blätterrascheln vor, und fertig ist die Herbstidylle. Das behagliche Geräusch kann aber schnell ins Unheimliche kippen. Zumindest wenn man nachts auf einer Terrasse mitten im Wald sitzt. Es ist totenstill. Nur ab und zu raschelt es kurz aus dem dunkeln Wald heraus. Für ein Autolärm-geschädigtes Stadtohr klingt das schnell so, als ob sich irgendetwas im Unterholz verbirgt. Das Film-geschädigte Stadthirn projiziert gehorsam allerlei Schrecken zwischen die schwarzen Bäume: ein Einbrecher? Ein Bär? Ein Psychopath? Oder gar etwas Unerklärbares? Schon raschelt es wieder, und so sagt man halblaut, aber doch hörbar zu sich selbst: «Ruhig, ruhig, Kamerad. Das ist bloss der Herbst. Das sind nur schöne farbige Blätter, die vorbei an anderen schönen farbigen Blättern Richtung Boden schweben . . ., wahrscheinlich.» Dazu atmet man sehr konzentriert und gleichmässig. (bat)

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