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Wollerau watching Wo ist Roger?

Ein Paradies ist Wollerau nicht gerade. Ein Ausflug lohnt sich trotzdem, und nicht nur wegen der Steuern.Ein Paradies ist Wollerau nicht gerade. Ein Ausflug lohnt sich trotzdem, nicht nur wegen der Steuern. Denn in Wollerau gibt es Raucherbeizen und Prominente.

Von Marcel Reuss und Thomas Wyss Wollerau, behauptet einer am Mittagstisch, das sei eine Reise wert. Wir schütteln den Kopf – und sitzen eine Stunde später trotzdem im Zug. Die steuergünstigste Gemeinde der Schweiz, die einem Bürger mit 250 000 Franken Jahreseinkommen ganze 233 000 überlässt, die muss man einfach mal besucht und «gespürt» haben, finden wir jetzt – auch weil dort viele VIPs leben. Den Berühmtesten haben wir zu finden versucht. Doch zuerst treffen wir am Bahnhof einen ganz gewöhnlichen jungen Mann. Junger Mann: Sind Sie interessiert am Schwiizer Naturschutz? Wyss: Grundsätzlich sehr, ja, aber wir haben jetzt gerade leider keine Zeit. Marcel Reuss: Meinte er Schwyzer oder Schweizer Naturschutz? Wyss: Egal, Hauptsache Naturschutz. Magisch angezogen vom ersten Schnee, der sich auf den Hügeln und Weiden ob Wollerau niedergelegt hat, schreiten wir direkt vom Bahnhof bergan. Reuss: Ich hab kalte Füsse. Wyss(besserwisserisch): Auch wenn Steueroase nach Wüste und 40 Grad im Schatten klingt, weiss der Kenner: Hier muss man sich warm anziehen. Nach 110 Metern entdecken wir den ersten Wollerauer. Es ist ein Elektrofachhändler, Mitte 50, der einem Ehepaar eine B&O-Musikanlage ins Auto lädt. Wyss:Guten Tag. Wissen Sie zufällig, wo Herr Ospel wohnt? Oder Herr Gaydoul? Oder Herr Federer? Fachhändler (zeigt in die entgegengesetzte Richtung): Die wohnen irgendwo da drüben, auf dem Hügel. Wyss: Dann ist dort drüben der Zürichberg von Wollerau? Fachhändler: Was? Wyss: Der Zürichberg. Der Hügel, auf dem die Reichen hausen. Fachhändler: Genau, die Reichen. Oder die, die meinen, dass sie reich sind. Ein Kunde des Geschäfts hat das Gespräch mitverfolgt. Er sagt, wir müssten die Erlenstrasse aufsuchen, dort würden wir die gesuchten Häuser finden. Reuss: Sind Sie als Wollerauer eigentlich stolz auf VIPs? Kunde (lacht gequält): Meine Meinung ist nicht repräsentativ, aber ich persönlich bin nicht unbedingt ein Fan von ihnen. Sie treiben die Mieten nach oben. Wyss: Dann sagen Sie ja? Kunde: Wozu? Wyss: Zur Steuerinitiative? Kunde: Ach . . . es heisst doch immer, die Initiative bringe Gerechtigkeit. Aber was heisst schon Gerechtigkeit. Off-Kommentar: Ein weiser Mann. Wir sagen «Adieu» und spazieren – vorbei an einem Schild, welches Wollerauer Frauchen und Herrchen bittet, den Hundekot aufzulesen – in Richtung Dorfplatz und Kirche. Aus heiterem Himmel artikuliert Reuss einen Jahrhundertsatz. Reuss: Wie es scheint, ist die Kirche hier noch im Dorf . . . nur dass das Dorf längst kein Dorf mehr ist. Wyss: Wo hast du das her? Dürrenmatt? Wittgenstein? Konsalik? Reuss: Nein, das ist von mir. Wyss: Aber jetzt mal ganz unvoreingenommen . . . Reuss: Nein, wirklich, das ist von mir. Wyss (leicht genervt): Ist ja gut, ich habs begriffen. Ich wollte bloss sagen, dass Wollerau, ganz unvoreingenommen, nicht wirklich adrett und hübsch ist. Reuss(grossspurig): Es fehlt die architektonische Linie. Ich finde es sogar ziemlich hässlich. Wyss:Dafür wurde ich schon zweimal enorm nett gegrüsst. Entweder sind die Eingeborenen echt total freundlich . . . Reuss: . . . oder sie halten dich für Rodschis Bruder. Oder Ospels Cousin. Wyss: Oder für Willem Defoe? Reuss: Von mir aus. Man erreicht den Dorfplatz. Wyss steuert sofort den Eingang des Hirschen an. Neben der Tür klebt ein kleines Schild, auf dem steht: «Restaurant Hirschen wird als Raucherlokal geführt». Wyss (ungläubig): Schau dir das an! Die haben hier noch Raucherbeizen! Reuss: Echt? Das ist natürlich ein fast noch gewichtigeres Argument als die Steuern, um nach Wolli zu ziehen. Wir betreten die Beiz. Vier Männer sitzen rauchend am Stammtisch, zwei von ihnen schauen zum Fernsehapparat. Wyss:Da verreksch! Jetzt sind wir an Federers Wohnort, und wer spielt da in London gegen Murray? Der Rodschi! Reuss(im Flüsteron): Hast du gesehen, dort oben, beim Buffet, das Foto der Familie Federer? Ich glaub man ist schon irgendwie stolz, dass die hier leben. Reuss wills nun genau wissen und fragt die Gerantin, wo die Federers wohnen. Ihre Antwort ist so hart und präzis wie der Service des Tennisstars: «Das verrät man in Wollerau nicht.» Düpiert verlassen wir die Beiz, durchqueren den Friedhof und kraxeln eine Strasse hoch. Während Reuss pausenlos Häuser und Landschaften knipst, gibt Wyss in der «Causa Federer» noch nicht klein bei und haut eine ältere Wollerauerin an. Wyss: Grüezi. Wir sind auf der Suche nach der Villa von Roger Federer. Können Sie uns weiterhelfen? Frau: Ouh Sie, das weiss ich nicht so genau. Ich glaub der hat hier zwei Domizile, eins da unten, beim Bellevue, und eins in Bäch. Das glaube ich jedenfalls. Wyss: Haben Sie ihn mal getroffen? Frau: Ich nicht, nein. Aber man hört, er spaziere mit seiner Familie ab und zu durchs Dorf. Wyss, wohlerzogen wie er ist, wünscht «e schööns Tägli». Schön ist auch der Weg den Hang hinauf. Schön steil zumindest, und je knapper der Sauerstoff im Hirn, umso schöner die Hirngespinste. Reuss: Angenommen, dein Buch wird ein Renner, ziehst du dann hierher? Wyss: Da kann ich aus reinem Herzen sagen: Nie und nimmer! Off-Stimme: Der «homo oeconomicus» scheint mit dir nicht verwandt zu sein. Liest du keine «SonntagsZeitung»? Wyss: Doch, wieso? Off-Stimme: Weil uns der Roger Schawinski dort vorgerechnet hat, dass sein Namensvetter Federer, der pro Jahr 50 Millionen Franken verdient, dank seinem Wohnsitz in Wollerau acht Millionen Franken Steuern spart. Reuss: Sorry, wieso soll ich wegen acht Kisten in ein Kaff ziehen, wenn ich mit den restlichen 42 Kisten an den schönsten Orten der Welt wohnen könnte? Wyss: Acht Mille? Die würde ich nicht von der Bettkante stossen. Damit baust du immerhin ein ziemlich grosses Haus, mit Sauna, Pool, Bierkeller . . . Reuss: Wieso fällst du mir jetzt in den Rücken? Wyss:Mach ich nicht. Ich würde ja nicht nach Wollerau, sondern nach Monaco ziehen. Auch ein Steuerparadies, aber eins mit Mittelmeer. Plus Casino! Reuss: Dort bräuchtest du aber einen Typen, der in deiner Villa immer das Licht an- und abstellt, wenn Du nicht vor Ort bist, wegen der Einbrecher. Wyss: Du meinst einen Liechti? Stimmt. Und im sicheren Wollerau bräucht’ ich den nicht. Ein interessanter Aspekt. Ohne dass wir die berühmt-berüchtigte Erlenstrasse gefunden hätten, schreiten wir vom ländlichen Hügel, wos nach Gülle duftet, zurück zum Dorfkern. Plötzlich stehen wir vor der Kantonalbank-Filiale. Reuss: Wieso heisst die Bank SZKB? Schweizer Zürcher Kantonalbank? Off-Stimme: Mann, Reuss! SZ? Steht das vielleicht für Schwyz? Wyss(schaut sich die Immobilienbildchen im Schaufenster der Bank an):Ouh, schöne Objekte. Allerdings sind sie auch nicht gerade billig. Reuss: 1,8 Millionen für eine 144-Quadratmeter-Wohnung? Da dislozierst du wirklich besser nach Monaco. Wyss: Dafür offerieren die hier eineRollover-Hypothek für 1360. Ist das gut? Reuss: Keine Ahnung, was das ist. Off-Stimme: Meine Herren! Rollover-Hypothek, das ist Allgemeinwissen. Das heisst, dass die Zinssätze quartalsmässig angepasst werden, bei unbefristeter Laufzeit, was eine äusserst bewegliche Finanzierung ermöglicht. Über eine kleine Kuppe gelangen wir zur Schwyzerstrasse. Hier stehen sentimentale Landhausillusionen neben Terrassenhäusern und postmodernen Ego-Building-Inszenierungen. Was auffällt, ist das Fehlen von Gärten. Wyss:Shit, ist das eng hier! Für mich sieht das aus wie ein vergrösserter und veredelter Ameisenhaufen. Eine junge Frau lässt einen Kinderwagen bergab rollen, ihr slawischer Akzent verleitet Reuss zur «Sicher ein Au-pair- Girl!»- und Wyss zur «Eindeutig ein neureiches russisches Flittchen!»-These; zehn Minuten später verkündet das Ortsschild «Richterswil ZH», dass wir die Kantonsgrenze erreicht haben. Wyss: Home, sweet home! Reuss: Und kaum hat man wieder Zürcher Boden unter den Füssen, sieht man sofort wieder triste Wohnblöcke. Off-Stimme: Logo. Richterswil hat einen Steuersatz von 104 und Wollerau einen von 65 Prozent. Reuss: Und, wie stimmst du ab? Wyss: Spinnst du? Unser Chef hat ausdrücklich gesagt, dass wir die Leserschaft so kurz vor der Abstimmung nicht mehr beeinflussen dürfen! Off-Stimme: Was ist denn das für ein Chef? Reuss und Wyss(laut und einstimmig): Ein Innerschweizer! «Ich würde nicht nach Wollerau, sondern nach Monaco ziehen. Auch ein Steuerparadies, aber eins mit Mittelmeer.» Thomas Wyss «Die architektonische Linie fehlt. Ich finde Wollerau hässlich.»Alle Fotos: reu Das Erstaunen des Zürchers ist gross: In Wollerau darf man noch rauchen. «Kaum wieder im Kanton Zürich, sieht man triste Wohnblöcke.» Hier muss irgendwo der «Zürichberg Wolleraus» sein.

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