Amma hat Millionen umarmt – doch wo sind ihre Millionen?

Die spirituelle Meisterin aus Indien gastiert in Winterthur. Mit ihren weltweiten Tourneen finanziert sie ihre Hilfswerke. Kritiker werfen ihr vor, viel zu viel Geld auf Bankkonten zu horten.

Zunehmende Kritik: In 30 Jahren hat Amma mehr als 30 Millionen Menschen umarmt – und Hunderte Millionen an Spenden eingenommen.

Zunehmende Kritik: In 30 Jahren hat Amma mehr als 30 Millionen Menschen umarmt – und Hunderte Millionen an Spenden eingenommen.

(Bild: Keystone)

Hugo Stamm@HugoStamm

Winterthur – Die als «heilige Mutter» verehrte Inderin Amma gastiert in diesen Tagen auf ihrer Europatour in der Eulachhalle in Winterthur. Täglich umarmt sie Tausende Verehrer aus der esoterischen und spirituellen Szene, auch heute Donnerstag noch. Mit verklärten Blicken stehen die Besucher stundenlang an, um für ein paar Sekunden von der «Göttlichen» an die Brust genommen zu werden.

Überall sind grosse gelbe Spendenboxen aufgestellt. Durch ihre Schlitze sind schon Geldnoten in Millionenhöhe gerutscht. Mit den Spenden finanziert Amma vorwiegend Hilfsprojekte in ihrer Heimat. Sie baut Schulen, Spitäler und Häuser, unterstützt Umweltprojekte sowie die Infrastruktur armer Dörfer. Dafür erntet sie viel Lob und Anerkennung.

In letzter Zeit sind jedoch kritische Stimmen laut geworden. In Internetforen tauchen wiederholt Vorwürfe auf, Amma horte zu viele Spenden auf Bankkonten, statt sie unverzüglich für Projekte zu nutzen.

Die Kritiker untermauern ihre Behauptungen mit Zahlen des indischen Innenministeriums. Nach ihrer Rechnung belaufen sich allein die grösseren Spenden (über 500 Franken) aus dem Ausland in den letzten sechs Jahren auf rund 100 Millionen Franken. Davon seien lediglich 37,6 Prozent in Projekte investiert worden, monieren die Kritiker, 62,4 Prozent lägen hingegen auf Bankkonten. Das sei nicht im Sinn der Spender.

Geschäft mit der Umarmung

Der «Tages-Anzeiger» wollte wissen, wie es sich mit den Spenden genau verhält und besuchte Amma in Winterthur. Der Reporter durfte neben der 60-jährigen Inderin und Ramakrishnananda Puri, dem Finanzvorstand ihres Werkes Mata Amritandamayi Math, auf der Bühne Platz nehmen. Während Amma unermüdlich die Besucher umarmte, diskutierte sie mit Puri gestenreich die Journalistenfragen in ihrer Sprache Malayalam. Da sie seit Jahrzehnten fast täglich 10 und mehr Stunden pro Tag ihre Besucher umarmt, müssen geschäftliche Belange während des Rituals geregelt werden.

Amma zeigt sich nicht sonderlich erfreut über die Diskussion zu den Spendengeldern. Solche Fragen können angesichts der vielen Hilfsprojekte nur Journalisten stellen, scheint sie mit ihren Gesten auszudrücken. Puri beantwortet die Fragen zu den Zahlen und Statistiken des Innenministeriums nicht oder nur ausweichend. Er beteuert nur, dass die indischen Behörden ihre Finanzen und Projekte kontrollierten und nichts beanstandeten.

«Getreu den Anweisungen der Spender werden die Mittel in Hilfswerke investiert oder in Bankeinlagen akkumuliert», erklärt Puri. Auch sei die Behauptung der Kritiker falsch, 28,3 Prozent der Spenden aus dem Ausland würden in gewinnorientierte Unternehmen investiert. Es sei zwar richtig, dass ihre Spitäler mit modernsten Geräten und Instrumenten ausgerüstet seien. Damit würden auch betuchte Inder behandelt. Doch ihre Honorare dienten dazu, mittellose Patienten gratis zu versorgen.

Infrastruktur für 101 Dörfer

Amma, die unentwegt verzückte Männer und Frauen zur Brust nimmt, spricht lieber über ihre Projekte als über Zahlen und Spendenquoten. Zu ihrem 60. Geburtstag vor zwei Wochen habe sie angekündigt, die Infrastruktur von 101 armen Dörfern aufzurüsten, um die Entwicklung voranzutreiben und die Autonomie zu stärken.

Es besteht kein Zweifel, dass Amma ihre Rolle als spirituelle Meisterin gewissenhaft wahrnimmt. Während beispielsweise der indische Guru Bhagwan 99 Rolls-Royce besass und Sai Baba weltliche Genüsse bis hin zu sexuellen Eskapaden mit seinen Schülern zelebrierte, lebt Amma bescheiden in ihrem Ashram in Südindien.

Wohl auch aus diesem Grund tut sie sich eher schwer mit der Frage nach der finanziellen Transparenz. «Wir haben keine Reklamationen von den Spendern erhalten», erklärt Puri. Er gibt auch zu bedenken, dass viele Helfer gratis arbeiten würden, weshalb die administrativen Kosten tiefer seien als bei den meisten Hilfswerken.

Mehrere Jahreserträge auf den Bankkonten

Rund die Hälfte der Zewo-zertifizierten Schweizer Hilfswerke haben Reserven, die weniger als die Hälfte ihrer jährlichen Einnahmen ausmachen, sagt Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin der Zertifizierungsstelle Zewo. Bei Amma lagern hingegen Spendengelder auf Bankkonten, die sehr wahrscheinlich mehrere Jahreserträge umfassen. Also ein Mehrfaches dessen, was bei uns als üblich gilt. «Wir müssen Reserven anlegen», antwortet Ramakrishnananda Puri. Sein Argument: Würde Amma ihre Touren aufgeben, reduzierten sich die Einnahmen drastisch. Wie hoch die Reserven tatsächlich sind, verrät er nicht. Sie lassen sich auch nicht errechnen, weil die Höhe der Inlandspenden nicht bekannt ist.

Werner Iser, Vorstandsmitglied des Schweizer Amma-Zentrums Ziegelhütte in Flaach, gibt zu bedenken, dass bei der Diskussion um die Spendengelder kulturelle Unterschiede aufeinanderprallten. So sei in Indien der Umgang mit Fragen zur finanziellen Transparenz anders als bei uns. Mit ihrer spirituellen Ergriffenheit zeigen die Besucher und Spender in Winterthur denn auch, dass sie Amma vollauf vertrauen.

Tages-Anzeiger

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