Migros benutzt kleine Sprachschule, um Millionenauftrag zu ergattern

Zusammen gewannen sie eine öffentliche Ausschreibung. Dann liess der Grossverteiler die KMU fallen.

Ausländer müssen Deutschtests absolvieren, wenn sie im Kanton Zürich eine Arbeitsbewilligung wollen. Foto: Getty Images

Ausländer müssen Deutschtests absolvieren, wenn sie im Kanton Zürich eine Arbeitsbewilligung wollen. Foto: Getty Images

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Es war die vermeintlich perfekte Partnerschaft – heute wollen sie nichts mehr voneinander wissen: die Social Input (SI), eine kleine Sprachschule aus dem Aargau, und die Migros-Klubschule. Gemeinsam bewarben sie sich Anfang 2017 für die kantonale Vergabe eines Sprachtests – «Deutscheinschätzung für fremdsprachige Stellensuchende», so die offizielle, etwas sperrige Bezeichnung. Wer ihn besteht, soll für den Arbeitsmarkt zugelassen werden. Laufzeit des Auftrags: ab Januar 2018, für mindestens fünf Jahre. Volumen: rund 2,5 Millionen Franken für 500 Module. Das ungleiche Firmenduo holte sich den Auftrag. Das Ganze endete jedoch im Streit. Mit der SI als geschädigter Partei, die heute vom Auftrag ausgeschlossen ist.

So lukrativ das Geschäft nun für die Migros ist, so ärgerlich – gar existenz­bedrohend – ist es für die SI. Als Grund nennt Geschäftsleiter Markus Wider das Verhalten der Migros und des Kantons: «Wir fühlen uns hintergangen.» Der Grossverteiler habe die Sprachschule benutzt, um an den Grossauftrag heranzukommen. «Letztlich liessen sie uns ­fallen wie eine heisse Kartoffel.»

AWA verlangte tiefergehende Prüfung

Die Zusammenarbeit mit der Migros reicht bis zum November 2016 zurück. Gemeinsam rechneten sich die beiden Unternehmen gute Gewinnchancen aus – dank einer optimalen Nutzung ihres Synergiepotenzials: die Migros als Anbieter der Infrastruktur – mit Räumlichkeiten und Lehrkräften –, die SI als Lieferant des pädagogischen Fachwissens. Seit 2003 hatte sich die Schule schweizweit einen Namen als Entwicklerin von Sprachtests gemacht.


Bilder – Migros sahnt in China ab


Am 27. Juni 2017 erteilte das Amt für Wirtschaft (AWA), das der Volkswirtschaftsdirektion untersteht, der Bewerbung den Vorzug. Vier andere Mitstreiter hatten das Nachsehen. Der Sprachschule bot sich damit eine einmalige Möglichkeit zur Expansion: «Wir fühlten uns auf der sicheren Seite. Schliesslich hatte uns der Kanton für das Konzept grünes Licht erteilt», sagt Wider. Die Sprachschule verwendete einen grossen Teil ihrer Ressourcen für die detaillierte Ausarbeitung des Sprachtests. «Es war eine einmalige Chance, die wir nutzen wollten.»

Alles lief nach Plan. Bis zum 12. Juli 2017, als der Kanton plötzlich mitteilte, dass das Konzept der SI den Anforderungen nicht genüge. An einer kurzfristig einberufenen Sitzung trafen sich Ver­treter der SI, des AWA und der Migros. Letztere inzwischen mit einem neuen Projektverantwortlichen. Ein externer AWA-Experte teilte mit, dass die Tests zu wenig tief gingen. Statt eines soge­nannten Low-Stake-Tests, wie ihn die SI ­angeboten hatte, verlangte er jetzt nach einem High-Stake-Test. Dieser setzt eine tiefergehende Prüfung der Probanden voraus – etwa eine längere mündliche Befragung.

«Wir wurden ausgebootet. Die deutsche Universität profitierte vom Auftrag, ohne, dass sie sich der öffent­lichen Ausschreibung hätte stellen ­müssen.»Markus Wider, Geschäftsleiter SI

Der Kanton vollzog gemäss Wider eine inhaltliche Kehrtwende, mit der niemand ­gerechnet hatte: «Wir hielten uns klar an die formellen Bedingungen des kantonalen Vergabeverfahrens», sagt Wider. Das AWA weist auf Anfrage darauf hin, dass es keine Ausschreibung für einen «Low-Stake-Test» gegeben habe und sich die Ausschreibungskriterien nicht verändert hätten. «Der Kanton vollzog keine inhaltliche Kehrtwende», sagt Sprecherin Irene Tschopp. Es steht Aussagen gegen Aussage.

Wider verweist auf seine bisherige Arbeit auf dem Gebiet. Die Schule bietet ihre Kurse zur Deutscheinschätzung im Aargau seit Jahren an. Sie entsprächen den Kriterien, die in vielen Kantonen so vorgegeben sind. Die SI-Tests seien zudem vom Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg überprüft und validiert worden.

Peter Lenz, Professor in Freiburg, bestätigt das. Die Kriterien des AWA – die Ausarbeitung eines High-Stake-Tests – seien hoch gesetzt. «Solche Tests kommen in der Regel zur Anwendung, wenn über das Schicksal der einzelnen Menschen entschieden würde», sagt Lenz. Zum Beispiel für Einbürgerungen oder eine Niederlassungsbewilligung. Für Arbeits­zulassungen seien sie eher unüblich. Gemäss Wider hätte eine Ausarbeitung der neuen Methodik eine Mehrarbeit von mehreren Monaten und hohe Zusatz­kosten verursacht. Die SI erklärte sich bereit für eine Weiterarbeit, jedoch nur, wenn sie dafür mehr Geld und Zeit ­erhalte.

Hohe Verluste und Entlassungen

Kanton und Migros entschieden sich jedoch, am bisherigen Kosten- und Zeitplan festzuhalten. «Ab diesem Zeitpunkt wollte uns die Migros offenbar nicht mehr dabeihaben.» Am 16. Oktober erhielt die SI ein Einschreiben der Migros: Die vorzeitige, gegenseitige Vertragsauflösung, bereit zur Unterschrift.

«Wir mussten unterschreiben, sonst wären wir heute pleite», sagt Wider. Der Schaden sei ohnehin schon gross: Bis zu diesem Zeitpunkt habe die Firma rund 100 000 Franken in die Testentwicklung investiert. Ein Aufwand, der abgeschrieben werden musste. Was zur Folge hatte, dass die SI gezwungen war, Personal zu entlassen.

Pikant: Der AWA-Experte, der die SI-Methodik kritisierte, ist Professor an der Universität Leipzig. Gemäss Sitzungsprotokollen, die dem TA vorliegen, berief er sich bei seiner Kritik mehrheitlich auf deutsche Studien. Zudem habe die Migros nach der Vertragsauflösung der SI telefonisch mitgeteilt, dass sie nun mit der Uni Leipzig zusammenarbeite, sagt Wider. «Wir wurden ausgebootet. Die deutsche Universität profitierte vom Auftrag, ohne, dass sie sich der öffent­lichen Ausschreibung hätte stellen ­müssen.»

Projektleiter früher bei Migros

Das AWA und die Migros möchten den angeblichen Wechsel des Subunternehmens weder bestätigen noch bestreiten. Der Grossverteiler teilt lediglich mit, dass die Zusammenarbeit zwischen der Klubschule und der SI «einvernehmlich» erfolgt sei. «Zu weiteren Punkten nehmen wir keine Stellung», sagt ein Firmensprecher. Das AWA teilt auf Anfrage mit, dass allein die Migros als Generalunternehmer für die Erfüllung hafte. «Es bestanden und bestehen keine vertraglichen Verpflichtungen des AWA mit Subunternehmen von Vertragspartnern», sagt Sprecherin Tschopp.

Zwischen Kanton und Migros gibt es zudem noch eine Verbindungsachse. Der zuständige Projektleiter, ein Deutscher, arbeitet seit 2015 für das AWA. 2008 bis 2010 hatte er gemäss dem Vernetzungsportal Linkedin bereits einmal eine Anstellung in der Schweiz: als «Controller» bei der Migros. Der Kanton ­bestreitet, dass diese Verbindung die Vergabe beeinflusst habe: Einzelne Personen würden «keine Einflussnahme» auf das Bewertungsverfahren nehmen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2018, 22:27 Uhr

Anzeigen und «Aldi-Mentalität»

Nicht zum ersten Mal sorgt die kantonale Vergabe von Sprachkursen für Schlagzeilen. Die kantonale Finanzkontrolle stellte vor zwei Jahren fest, dass in den Jahren 2013 und 2014 «nicht geschuldete und überhöhte Pauschal­beträge» bezahlt worden seien. Insgesamt handelte es sich um 7,1 Millionen Franken, die an die Sprachschulen Ecap und Enaip geflossen seien. Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP) reichte darauf Anzeige gegen unbekannt ein. Gleichzeitig liess Steiner verlauten, dass sämtliche Mitarbeiter ihr «vollstes Vertrauen» geniessen würden. Im Juli verkündete die Bildungsdirektion, dass die Strafverfahren eingestellt worden seien. An die betroffenen Schulen wurden Rückforderungen in unbekannter Höhe gestellt, wogegen diese rekurrierten. Die Verfahren seien noch hängig, teilt die Bildungsdirektion auf Anfrage mit. Die Schulen Ecap und Enaip würden jedoch nach wie vor vom Kanton subventioniert.

2011 sorgte die kantonale Vergabe für Unmut bei den Sprachschulen. Durften zuvor fünf Schulen stellenlosen Ausländern Deutschunterricht erteilen, wurden nur noch zwei Schulen berücksichtigt. Die Verliererschulen mussten damals Stellen streichen und kritisierten die «Aldi-Mentalität» des Amts für Wirtschaft und Arbeit. Der Preis würde auf Kosten der Qualität zu stark gewichtet. Die neuerliche Reduzierung auf die Migros als einzige Kursanbieterin ist demnach die konsequente Fortsetzung dieser Entwicklung. (mrs)


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