Nach der Kränkung lagen zwei Schwerverletzte auf der Strasse

Ein 31-jähriger Brasilianer wurde vor einem Nachtclub abgewiesen. Dann eskalierte die Situation. Vor Gericht sagte er nun: Er bete für seine Opfer.

Das Obergericht reduzierte die Freiheitsstrafe um ein Jahr. Foto: Urs Jaudas

Das Obergericht reduzierte die Freiheitsstrafe um ein Jahr. Foto: Urs Jaudas

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Vor wenigen Tagen feierte er seinen 31. Geburtstag. Es war sein dritter hinter Gittern, und er wird – im besseren Fall – nur noch weitere zwei Geburtstage im Gefängnis verbringen müssen. Dorthin gebracht hat ihn eine Tat, die ihn gemäss seinen eigenen Worten «selber schockiert» hat.

Was der Brasilianer, der in Anzug und Krawatte vor dem Obergericht erschien, an jenem frühen Morgen im Juli 2016 getan hat, nannte er selber «unentschuldbar». Und auch wenn er damals mit Alkohol reichlich abgefüllt war, will er heute die Schuld nicht diesem Zustand zuschieben. Jedenfalls bete er für die beiden Männer und wünsche ihnen alles Gute.

«Rüde zu Boden geworfen»

Der Mann verbrachte die Nacht im Langstrassenquartier. Morgens um 5.23 Uhr folgte er, was sich mit Videoaufnahmen belegen liess, zwei Sicherheitsangestellten der Red Light Bar, die Müllsäcke entsorgt hatten.

Obwohl die Bar bereits geschlossen war, wollte er unbedingt hinein. Da er auf die freundlichen Hinweise, die Bar sei geschlossen, überhaupt nicht reagierte, musste er in der Folge «immer unfreundlicher abgewiesen» werden, wie es der Staatsanwalt formulierte. Einmal verpassten die Sicherheitsleute ihm eine Ohrfeige, zweimal wurde der starrsinnige Mann laut Einschätzung des Obergerichts «ziemlich rüde zu Boden geworfen».

Mit einem Messer zurückgekehrt

Vom Vorgehen der Sicherheitsleute ganz offensichtlich gekränkt, zog der Brasilianer zunächst von dannen – und tauchte vierzig Minuten später wieder auf. Er habe die beiden fragen wollen, «warum sie mich geschlagen haben», erklärte er sein Motiv. Laut Anklage aber kam er zurück, um sich für die erlittene Demütigung zu rächen.

Das Messer mit einer weissen Keramikklinge von 16 bis 25 Zentimeter Länge, das er jetzt plötzlich bei sich hatte, sollte gemäss Verteidiger bloss dazu dienen, sich Respekt zu verschaffen, sich allenfalls zu verteidigen. Davon wollte die Anklage nichts wissen. Er habe «ein wahres Blutbad» angerichtet, die beiden Sicherheitsleute hätten sich «in einem wahren Lebenskampf befunden».

Aussergewöhnliche Verletzungsfolgen

Der 31-Jährige hat keine Erinnerung an seinen Messerangriff. Laut der Überwachungskamera, die den Sachverhalt laut Obergericht trotz schlechter Bildqualität gut wiedergibt, stach/schnitt er den beiden Männern nacheinander «mit einer Messerführung mit kräftigem Schwung von oben rechts nach unten links in den Bauch und weiter in die Hand».

Aussergewöhnlich waren die Verletzungsfolgen. Bei den Opfern, einem 38-jährigen Portugiesen und einem 49-jährigen Libanesen, waren nicht die Verletzungen am Oberkörper lebensbedrohlich, sondern die Verletzungen an den Händen. Denn der Schnitt durchtrennte in einem Fall die Schlagader, im anderen Fall eine grössere Arterie.

Den Tod in Kauf genommen

Strittig vor Gericht waren die rechtliche Qualifikation und die Höhe der Strafe. Der Verteidiger beantragte wegen schwerer Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von vier Jahren. Die Staatsanwaltschaft beantragte eine Bestätigung des erstinstanzlichen Schuldspruchs wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, aber eine Erhöhung der Strafe von neuneinhalb auf dreizehn Jahre.

Mit den Schnitten in der Nähe von lebenswichtigen Organen habe der 31-Jährige den Tod der beiden Männer in Kauf genommen, entschied das Obergericht. Wären die Kontrahenten nur leicht anders gestanden, hätte die schwungvolle Messerbewegung zu dem geführt, was das Obergericht ein «von oben nach unten aufschlitzen» nannte.

Echte Reue gezeigt

Bei der Strafe folgte das Gericht hingegen nicht der Anklage. Der Brasilianer habe die Männer nicht direkt töten wollen, er wollte sich bloss rächen und sie kampfunfähig machen. Das Obergericht reduzierte die Strafe um ein Jahr auf achteinhalb Jahre.

Dem Gericht machte offensichtlich Eindruck, dass der Mann im Sinne tätiger Reue einen Teil des im Gefängnis verdienten Geldes dazu benützt, die den Opfern zugesprochenen Genugtuungen ratenweise zu bezahlen. «Das habe ich auch noch nie erlebt», sagte der Gerichtspräsident. Und der sitzt doch immerhin seit 18 Jahren im Obergericht.

Weil der Brasilianer bereits seit fast 41 Monaten im Gefängnis sitzt, könnte er nach weiteren 27 Monaten entlassen werden – sofern ihm das letzte Drittel der Strafe bedingt erlassen wird. Wenn nicht, würde es weitere 61 Monate dauern.

Erstellt: 04.12.2019, 16:57 Uhr

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