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«Darum ist es Zeit, mein Arbeitstempo zu drosseln»

Vom «Enfant terrible» zum wohl bekanntesten Psychiater Zürichs: Frank Urbaniok über seinen Rücktritt – und sein neues Buchprojekt.

«Früher war ich für einige das Enfant terrible in Psychiatrie- und Justizkreisen»: Frank Urbaniok in Zürich. (Archiv) Bild: Tamedia
«Früher war ich für einige das Enfant terrible in Psychiatrie- und Justizkreisen»: Frank Urbaniok in Zürich. (Archiv) Bild: Tamedia

Frank Urbaniok, der langjährige Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich, tritt nach mehr als 21 Jahren zurück. Redaktion Tamedia hat mit dem Psychiater gesprochen.

Herr Urbaniok, wie geht es Ihnen heute gesundheitlich?

Ich beginne gerade wieder, mein Leben zu planen. Aber die Krebserkrankung ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen, und die Zukunft ist selbstverständlich mit deutlich mehr Unsicherheit behaftet als zuvor. Nach mehr als zwanzig Jahren in exponierter Stellung ist es darum Zeit, mein Arbeitstempo zu drosseln. Ich hadere nicht mit dem Schicksal. Zum einen weiss ich, dass sehr viele Menschen mit ähnlichen Situationen konfrontiert sind. Zum anderen hatte ich mir auch schon vor der Erkrankung überlegt, beruflich kürzerzutreten.

Sie standen im Rampenlicht. Wie gingen Sie damit um?

Früher war ich für einige das Enfant terrible in Psychiatrie- und Justizkreisen. Dass man die sehr kleine Gruppe unbehandelbarer hochgefährlicher Straftäter lebenslang einsperren muss, war damals ein ungeheuerlicher Standpunkt. Ich wurde dafür heftig kritisiert, als unbarmherziger Hardliner dargestellt. Andere warfen mir vor, Täter zu verhätscheln, weil ich mich für Therapien einsetzte, um zu verhindern, dass sie nach ihrer Entlassung wieder rückfällig werden.

Sind Sie nun Hardliner oder Vertreter der Kuscheljustiz?

Weder das eine noch das andere. Mir ist es wichtig, jeden Einzelfall genau zu verstehen und dann so zu handeln, wie es genau in diesem Einzelfall angemessen und verhältnismässig ist. Dafür braucht es grosse Sorgfalt. Vor allem aber gibt es da keinen Platz für Vorurteile oder irgendwelche Rechts-links-Ideologien. Die früher oft heftige und auch persönliche Kritik hat sich seit einigen Jahren abgeschwächt.

Also keine Verhärtung?

Nein, überhaupt nicht. Die Arbeit hat mir immer Freude gemacht. Zweifellos hat sie auch Schattenseiten in Form von zunehmender Bürokratie auf der einen und hässlichen Mails und Drohungen auf der anderen Seite. Die Belastung war teils enorm. Aber das gehört dazu, und vielen anderen öffentlichen Personen in Führungspositionen geht es genauso. Zumindest ist es mir in all den Jahren gelungen, meine Familie aus allem rauszuhalten.

Sie haben nun ein Buch geschrieben, wovon handelt es?

Es ist nicht ein psychiatrisches Buch, sondern es fasst Gedanken zusammen, mit denen ich mich schon seit längerer Zeit befasse. Es geht um die menschliche Natur und die Gesellschaft und heisst «Evolutionäre Konstruktionsschwächen der menschlichen Vernunft und ihre gesellschaftlichen Folgen: Warum wir Regeln bis zur Absurdität ausbauen, Populisten mögen, uns gerne selbst belügen und vieles mehr». Das Buch soll noch dieses Jahr herauskommen.

Können Sie den Inhalt etwas ausdeutschen?

Ich will aufzeigen, wie anfällig der Mensch für Urteilsfehler ist und wie sehr er etwa zur Polarisierung neigt. Es ist ein grosses Missverständnis, wenn man glaubt, die Vernunft sei da, um die Wirklichkeit zu erkennen. Dafür hat die Evolution sie nicht erfunden. Es spielt in der Evolution keine Rolle, ob die Wirklichkeit richtig oder falsch erkannt ist. Es gilt das Prinzip: Besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig. Wenn Sie als Urmensch bei jedem Rascheln im Gebüsch auf einen Löwen tippen und wegrennen, haben Sie einen evolutionären Vorteil gegenüber dem vernunftgeleiteten Kollegen. Dieser sagt: «Das Rascheln ist zu unspezifisch, ich muss mehr Erkenntnisse über dessen Ursachen gewinnen.» Er wird einmal zu spät weglaufen.

Was hat das mit der Gesellschaft zu tun?

Nun, die evolutionsbedingten Schwachstellen unserer Vernunft werden konkret bewirtschaftet. Denken Sie an die Werbung, an Populisten oder an totalitäre Ideologien. Aber auch die Wissenschaft oder die Diskussions- und Medienkultur in demokratischen Gesellschaften unterliegt den Verzerrungsmechanismen unserer Vernunft. Das ist in einer globalisierten und digitalisierten Welt eine grosse Gefahr.

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