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Eine Insel taucht auf

Die Ufenau ist mit ihren gut elf Hektaren Fläche die grösste Insel der Schweiz, die nur mit dem Schiff zu erreichen ist. Vor Tausenden von Jahren blieb sie im See zurück – und wird heute kleiner und kleiner.

Mit einer Drohne aus 300 Metern Höhe aufgenommen: Die mit 17 Metern höchste Erhebung der Ufenau, der Arnstein, liegt rechts vom Schiffssteg. Foto: Emanuel Ammon/AURA
Mit einer Drohne aus 300 Metern Höhe aufgenommen: Die mit 17 Metern höchste Erhebung der Ufenau, der Arnstein, liegt rechts vom Schiffssteg. Foto: Emanuel Ammon/AURA

So stellte ich mir als Kind Jim Knopfs Lummerland vor. Nur dass die Gleise für Lukas’ Lokomotive fehlen. Und es eine Insel mit einem statt mit zwei Bergen ist: dem Arnstein. Auf dem Festland würde man ihn mit seinen 17 Meter Höhe bestenfalls als Hügel bezeichnen. Doch brachte er einst die Mönche gehörig ins Schwitzen, als sie noch regelmässig in ihren Kutten zum Pfauenhäuschen auf den Arnstein stiegen, um abgeschieden vom gewöhn­lichen Volk ihren Zvieri einzunehmen.

Allzu viele Inseln hatte ich zur Verortung von Michael Endes berühmtem Kinderbuch nicht zur Verfügung. Denn die Schweiz ist zwar eine Insel in Europa, aber kein Land der Inseln. Etwa 70 sollen es laut Wikipedia im ganzen Land sein, davon ist etwa ein Drittel mit einer Brücke oder einem Steg mit dem Festland verbunden, nur wenige sind bewohnt. Die Ufenau ist mit ihren 11,26 Hektar die grösste Insel der Schweiz, die nur mit dem Schiff erreichbar ist. Doch wie kam die Ufenau in den Zürichsee?

Vom Eis zurechtgeraspelt

Fredy Kümin weist erst in die Ferne, um das Nahe zu erklären. Der vor kurzem pensionierte Kantonsschullehrer und Präsident des Vereins «Freunde der Insel Ufnau» zeigt hinüber aufs Festland, zum Waldisberg, einer Erhebung zwischen Freienbach und Wollerau. «Dieser Hügelzug zieht sich in West-Ost-Richtung über die Ufenau und die Lützelau zum Schlossberg in Rapperswil.» Er gehört geologisch zur oberen Meeresmolasse und ist von Luzern bis zum Bodensee zu beobachten. Während der letzten Eiszeit reichte der Linth-/Rhein­gletscher in dieser Region bis 1200 Meter hoch und schliff und raspelte an dem von ihm überfahrenen Gestein. Die härteren Schichten hielten länger stand – und als vor rund 15 000 Jahren die Gletscher geschmolzen waren, blieben diese als Felsrippen zurück. Das Schmelzwasser füllte die Mulden, der Zürichsee entstand und eine Insel tauchte aus ihm auf: die Ufenau.

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Genauer eine Halbinsel: Denn bevor um 1950 das Lettenwerk in der Limmat den Seespiegel auf dem heutigen Niveau von 406 Meter über Meer einpendelte, schwankte der Seespiegel beträchtlich. Man weiss heute, dass zur Römerzeit die Ufenau, die Lützelau und das Rosshorn bei Hurden mit dem Festland verbunden waren. Sie waren Bestandteil einer grossen Halbinsel, welche weit in den Zürichsee hinausragte. Danach und bis ins 19. Jahrhundert bestanden bei tieferem Wasserstand immer wieder für kürzere Zeit Landverbindungen zu den Inseln. Noch heute erzählen laut Kümin ältere Einheimische davon, wie sie bei winterlich tiefem Seespiegel von Hurden «auf dem Röhrliweg» auf die Lützelau spazieren konnten – Röhrliweg hiess er, weil er von Schilfrohren gesäumt war.

Nun stehen wir vor einer abrupt abfallenden Felswand, die eine deutliche schräg verlaufende Schichtung aufweist. «Faszinierend, wie man hier noch die Folgen der Alpenfaltung ablesen kann», sagt der ehemalige Naturkundelehrer begeistert. Die Ufenau besteht aus zwei unterschiedlichen Gesteinsschichten. Auf der Südseite mit dem Arnstein verläuft eine massive Nagelfluhschicht, entlang der Nordseite ein Sandsteinrücken. Beide sind zuweilen als kahle Steilwände gut sichtbar. Hier haben in früheren Zeiten Menschen an verschiedenen Orten Stein gebrochen. So ist es wahrscheinlich, dass Kirche und Kapelle aus vor Ort gewonnenem Sandstein gebaut wurden.

Der See nagt an der Insel

Fredy Kümin und Markus Ruoss, Vorstandsmitglied der «Ufnau-Freunde», schleppen einen grossen Ast aus dem Rundweg. Der Kampf gegen die Verbuschung des Ufers beschäftigt die «Inselmannschaft» jahrein jahraus. Einst glitt das südliche Gestade sanft und von nahezu geschlossenen Schilfgürteln bewachsen ab, heute endet es an verschiedenen Orten an schroffen Felswänden. Weil der regulierte Seespiegel im Jahresverlauf nur noch um einen knappen halben Meter schwankt, treffen die Wellen vielfach an derselben Stelle aufs Ufer, was durch Erosion einen senkrechten Abbruch – ein Kliff – entstehen lässt. So nagt der See vor allem im südöstlichen Bereich kontinuierlich an der Insel.

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Alte Aufnahmen zeigen, dass die Ufenau vor 100 Jahren tatsächlich noch grösser war. In jüngster Zeit wurden auf Anregen des Vereins deshalb am Süd­ufer umfangreiche Regenerationsarbeiten unternommen: Mit Ästen ausgefüllte Pfahlreihen dienen als Wellenbrecher. Sie sind auf Flugaufnahmen gut zu erkennen. Zudem wurde das Kliff abgetragen, Kiesbänke wurden vorgelagert und als Starthilfen mit Schilf und Grosseggen bestückt. «Die ersten Resultate sind vielversprechend», sagt Kümin. Um gleich von weiteren Vorhaben zu berichten, denn die «Ufnau», wie die ursprüng­liche, klösterliche Schreibweise lautet, ist in ständiger Bewegung. Auch wenn sie nicht wie Jim Knopfs Lummerland eine schwimmende Insel ist.

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