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Winterthur mittet sich ein

Ein CVPler jagt der SP das Stadtpräsidium ab, ein Grünliberaler oder ein EVP-Politiker erobert einen FDP-Sitz. Die politische Mitte könnte die grosse Gewinnerin der Ersatzwahl für den Winterthurer Stadtrat werden. Eine Prognose.

80 Jahre lang rechtsregiert, seit 10 Jahren linksdominiert: die Stadt Winterthur.
80 Jahre lang rechtsregiert, seit 10 Jahren linksdominiert: die Stadt Winterthur.
Keystone

Mit den Rücktritten von Stadtpräsident Ernst Wohlwend (SP) und Stadträtin Verena Gick (FDP) sind in der siebenköpfigen Winterthurer Stadtregierung zwei Sitze neu zu besetzen. Um diese Mandate balgen sich am 17. Juni gleich fünf Parteien. Deren Kandidatinnen und Kandidaten treten allerdings unter verschiedenen Voraussetzungen an.

Besonders unter Druck stehen Yvonne Beutler (SP) und Barbara Günthard-Maier (FDP), da sie Sitze von Parteikollegen zu verteidigen haben. Ebenfalls unter Druck stehen aber Nik Gugger (EVP) und René Isler (SVP). Guggers Partei hat ihren Stadtratssitz 2010 verloren, Islers SVP ist gar schon vor zehn Jahren aus der Stadtregierung verdrängt worden. Einzig Michael Zeugin (GLP) kann sich ohne übersteigerte Erwartungen in den Wahlkampf stürzen. Die Newcomer-Partei eilt von Erfolg zu Erfolg, kann, muss aber nicht, noch mehr gewinnen.

SP verliert das Stadtpräsidium

Beutler steht gleich doppelt unter Druck, da sie nicht nur einen der drei SP-Sitze, sondern auch das Stadtpräsidium verteidigen soll, das Wohlwend 2002 den Bürgerlichen abgeluchst hat. Das ist wohl etwas viel verlangt. Zwar ist die 38-jährige Friedensrichterin und langjährige Gemeinderätin in der Stadt bekannt – als «höchste Winterthurerin» hat sie die Politik im Jahr 2009 an zahlreichen Anlässen vertreten und war medial präsent.

Doch wird dies kaum reichen gegen ihren starken Kontrahenten ums Präsidium. Michael «Mike» Künzle ist im Volk äusserst beliebt. Der 47-jährige CVP-Polizeivorsteher ist jovial, macht kaum Fehler und hat populäre Entscheide gefällt. So hat er einen zentralen Platz, auf dem Randständige und Drogenhändler verkehrten, wieder für die Bevölkerung geöffnet. Und zunehmenden Sicherheitsmängeln rund um den Hauptbahnhof begegnete er tatkräftig mit grösserer Polizeipräsenz.

Künzle ist für die Linke kein rotes Tuch

Künzle spricht bürgerliche Wähler an, schreckt Linke aber nicht ab. Er ist ein Mann des Kompromisses und hat kaum Feinde. Das hat ihm vor zwei Jahren das beste Wahlresultat aller Stadträte eingebracht. Damit hatte er gar Ernst Wohlwend überholt. Dass Künzle bereits jetzt in der Attitüde eines Stadtvaters auftritt, wird ihm nicht verübelt und dürfte seine Wahlchancen nicht verringern.

Yvonne Beutler wird aber vom Interesse an der Präsidiumswahl profitieren und einen Stadtratssitz erobern. Dies dürfte der Freisinnigen Barbara Günthard-Maier schwerer fallen. Die 40-jährige Kommunikationsberaterin ist weniger profiliert und weniger bekannt als die anderen Kandidierenden. Zudem gehört sie einer Partei im Stimmungstief an. Die einst in Winterthur dominierende FDP ist in den vergangenen Nationalratswahlen in der Stadt auf den fünften Rang zurückgerutscht. Günthard-Maier wird Mühe haben, die Wählerschaft davon zu überzeugen, dass einer 9-Prozent-Partei zwei von sieben Exekutivsitzen zustehen.

Grünliberale sind drittstärkste Kraft

Da hat Michael Zeugin bessere Argumente. Auf Anhieb 12 Prozent Wähleranteil haben seine Grünliberalen im letzten Herbst erreicht und sind damit zur drittstärksten Kraft in Winterthur geworden. Diesen Schwung könnte Zeugin nutzen. Zudem ist der 34-jährige HSG-Absolvent trotz seiner Jugend kein Unbekannter: Er führt die Gemeinderatsfraktion an und sitzt auch im Kantonsparlament. Vor zwei Jahren hat er bereits für den Stadtrat kandidiert und ein respektables Resultat erzielt: Er klassierte sich vor dem SVP-Kandidaten auf Platz 9.

Noch vor Zeugin war 2010 EVP-Mann Nik Gugger platziert. Der Fraktionspräsident ist in der Stadt eine feste Grösse und wurde gewählt, schied aber als Überzähliger aus. Dem umtriebigen 42-Jährigen ist einiges zuzutrauen. Zwar hat der Geschäftsführer einer Jugendkirche nur eine kleine Partei hinter sich, doch unterstützen ihn die Grünen und hat die EVP in Winterthur mehr Einfluss als anderswo. Maja Ingold hatte im Jahr 2002 die Phalanx der Traditionsparteien gebrochen und ein Stadtratsmandat auf Kosten der SVP erobert.

SVP wie in Zürich: Ohne Erfolg bei Exekutivwahlen

Die SVP wiederum ist in Winterthur in den gleichen Trott geraten wie in der Stadt Zürich: Ansehnliche Erfolge in Parlaments-, Nullnummern bei Exekutivwahlen. Der Knick war die Nichtwahl von Nationalrat Jürg Stahl in einer Ersatzwahl 2001. Zwar erreichte er 1 Stimme mehr als SP-Konkurrentin Pearl Pedergnana. Doch eine Nachzählung brachte die SP-Frau mit 1 Stimme in Front – und in die Stadtregierung.

Nun soll Gemeinde- und Kantonsrat René Isler diese Scharte auswetzen. Es gibt allerdings keine Anzeichen, dass es dem 53-jährigen Stadtpolizisten besser ergehen sollte als seinen Parteikollegen in den Wahlen zuvor. Die SVP hat es bei Stadtratswahlen im rot-grünen Winterthur schwer. Viele mögen Isler, der viele kennt und gern und viel mit allen redet, aber auch als «Polteri» gilt. Nicht alle sind überzeugt, dass er das Zeug zum Stadtrat hat.

Bürgerliche Hochburg gefallen

Die Winterthurer Exekutive war von der Stadtvereinigung 1922 bis 2002 bürgerlich dominiert. Mit der EVP-Sozialpolitikerin Ingold regierte ab 2002 während vier Jahren eine Mitte-links-Allianz. 2006 gelang es dem Grünen Matthias Gfeller, der FDP einen Sitz abzujagen. Gleichzeitig eroberte Wohlwend als erstes Nicht-FDP-Mitglied das Stadtpräsidium. Seither wird die Eulachstadt rot-grün regiert, auch wenn es der FDP 2010 gelang, ihren Sitz von der EVP zurückzuerobern. Die heutige Parteienzusammensetzung lautet: 3 SP, 1 Grüner, 2 FDP, 1 CVP.

Damit der Wind dreht, müssten sowohl SVP-Mann Isler wie auch die Freisinnige Günthard-Maier gewählt werden. Wahrscheinlicher sind umgekehrt ein Sitzverlust der FDP, ein leichter Linksrutsch im Gremium und ein Rechtsrutsch im Präsidium. Politisch würde sich nicht allzu viel ändern, da die Linke die Mehrheit im Stadtrat verteidigen würde und der vorsichtige CVP-Mann Künzle den von SP-Mann Wohlwend vorgegebenen Kurs kaum verlassen wird. Dennoch: Der 17. Juni könnte ein Feiertag für die so oft verschupfte politische Mitte werden.

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