So funktioniert die Detektivarbeit der Brandermittler

Ein Experte erklärt, wie er die Ursache eines Feuers aus einem Haufen Schutt und Asche herausliest.

Drohnenaufnahmen zeigen das verbrannte Innenleben der teilweise ausgebrannten Gebäude. Video: Tamedia/SDA

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Die Fassaden der Gebäudezeile am Bahnhofplatz 1 und entlang des Bahnhofquais stehen noch. Die fast weissen Mauern lassen kaum vermuten, wie sehr das Gebäude beim Grossbrand in der Nacht auf Samstag Schaden genommen hat. Das verbrannte Innenleben der Häuser zeigen bislang nur Aufnahmen von Drohnen, deren Kameras von oben durch einige Stockwerke hindurch in einen schwarzen Schlund herabfilmten. Wie findet man in diesem Haufen Schutt und Asche die Brandursache heraus?

Der erfahrene Brandermittler Ignaz Lenz der Kantonspolizei Thurgau hat auf Anfrage das generelle Vorgehen erklärt. «Das A und O ist, den Brandherd zu finden», so Lenz. Grundsätzlich gilt: «Je enger wir den Brandherd eingrenzen können, desto näher kommen wir auch der Brandursache.»

Aus welchen Fenstern hat es zuerst gequalmt?

Der Fachmann erklärt das Vorgehen anhand eines Beispiels: «Sagen wir mal, wir untersuchen einen Brand in einem Wohnhaus», illustriert Lenz. In einer ersten Phase seien vor allem Zeugenaussagen wichtig: «Die Leute, die zuerst die Feuerwehr alarmierten, können vielleicht sagen, aus welchen Fenstern es zuerst gequalmt hat.» Die Ermittler tragen solche Aussagen, aber auch Handyaufnahmen von Augenzeugen zusammen.

Zusätzlich werden die Feuerwehrleute befragt, die zuerst vor Ort eintrafen und vielleicht sogar im Gebäude drin waren. «Sie können uns sagen, wo es zu dem Zeitpunkt gebrannt hat – und wo nicht», erklärt Lenz. «Und normalerweise deckt sich das natürlich mit den anderen Aussagen.»

Durch die Zusammenführung all dieser Berichte bewegen sich die Ermittler langsam auf den Brandherd zu und wissen womöglich bereits, in welchem Raum das Feuer ausgebrochen ist. «Beim Beispiel wären wir dann quasi im Wohnzimmer», so Lenz.

Eine Raumskizze mit allen Objekten

In einer nächsten Phase geht es an die Spurensicherung. Zunächst erstellen die Ermittler mit den Bewohnern eine Skizze: «Was stand da alles drin? Ein Fernseher? Vorhänge? Ein Papierkorb? Aschenbecher?» Diese Zeichnung dient als Orientierungshilfe. Der Detailgrad dieser Karte wäre in der Nähe des vermuteten Brandherdes speziell hoch.

Zusätzlich versuchen die Ermittler herauszufinden, wer zuletzt im besagten Raum war. «War da noch alles in Ordnung? Was hat die Person als Letztes getan? Welche Geräte waren noch eingeschaltet?»

In der Brandruine fotografiert der Kriminaltechnische Dienst in Zusammenarbeit mit den Brandermittlern dann alles, bevor der Schutt weggeräumt wird. «Stellen Sie sich vor, im Wohnzimmer wäre vielleicht sogar die Decke eingebrochen», illustriert Lenz. «Das räumen wir alles weg, sodass wir den Boden sehen.» Generell seien die Spuren auf den Oberflächen des Raumes wichtig, also nicht nur auf dem Boden, sondern auch an Wänden und, falls noch vorhanden, der Decke. Die Ermittler können diese Spuren auf den Oberflächen mit der Raumskizze abgleichen.


Video: So heftig waren die Explosionen beim HB Zürich

Beim Brand in der Nacht auf Samstag kam es innert kürzester Zeit zu zwei heftigen Explosionen. Trümmerteile flogen bis zu 200 Meter weit.


Wenn zum Beispiel die letzte Person im Raum noch eine Zigarette in den Papierkorb in der Ecke geworfen und dieser dann Feuer gefangen hätte, könnte der Brandermittler das den Spuren am Boden ansehen. «Dann gäbe es örtliche Brandspuren um den Papierkorb – aber auf der anderen Seite des Wohnzimmers wäre der Teppich vielleicht noch picobello», so Lenz. Oder auch wenn eine Kerze auf einem Sims das Feuer auslöste, gäbe es Spuren an der Wand. Die Ermittler sprechen hier von einem «Brandtrichter», der von einem Feuer nach oben hin Spuren hinterlässt. Je weiter weg vom Brandherd man sich bewegt, desto mehr klingen diese Spuren ab.

Es gibt auch mögliche Spuren fernab des Brandherdes, die wichtig sein können. Speziell erwähnt Lenz den Sicherungskasten. Wenn zum Beispiel eine Sicherung herausgeflogen ist, könnte das auf einen Kurzschluss hinweisen.

Die Elektrik ist generell ein spezielles Element: Nebst der herausgeflogenen Sicherung fänden die Ermittler im Raum vielleicht Kurzschlussspuren. Oder bei einem Kabelbrand kann es sein, dass ganze Teile der Wand oder des Bodens verkokelt sind.

«Wie wurde gearbeitet? Was für Gerätschaften wurden eingesetzt?»

Selbst wenn die Ermittler bereits einen erhärteten Verdacht haben, untersuchen sie andere mögliche Brandherde im Raum genau. «Einem Fernseher sieht man möglicherweise an, ob er primär den Brand verursacht hat oder sekundär durch die Hitze beschädigt wurde», erklärt Lenz. Je nach Kontext fallen andere Objekte ins Auge: Zu Weihnachten ist es vielleicht ein Adventskranz, im Sommer eher ein Gasgrill. Je nach Kontext ziehen die Ermittler auch Experten bei, zum Beispiel Elektrosachverständige oder Heizungsfachpersonal.

Befindet sich ein Gebäude im Umbau – wie in Zürich –, stellt sich der Experte zusätzliche Fragen: «Wie wurde gearbeitet? Was für Gerätschaften wurden eingesetzt – Trennscheiben, Schweissbrenner? Was ist mit dem Strom passiert? Was mit den Gasleitungen, wenn es denn welche hat? Der Kontext ist wichtig», so Lenz.

Letztlich gibt es aber auch Fälle, die unmöglich zu lösen sind. «Bei Grossbränden kann es vorkommen, dass der Sachbeweis, die Spur, komplett verbrannt ist.» In solchen Fällen müssen die Ermittler darauf hoffen, dass die Zeugenaussagen und der intakte Teil des Gebäudes Rückschlüsse auf die Brandursache zulassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2018, 15:09 Uhr

Ignaz Lenz ist seit 1981 bei der Kantonspolizei Thurgau. Seit 1989 gehört er dem Dienstzweig Brände & Explosionen der Kriminalpolizei an, den er seit 2007 im Dienstgrad eines Feldweibels führt. (Bild: Kantonspolizei Thurgau)

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