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Polizei verschärft Rayonverbote

Straffällig gewordene Fans werden doppelt so lange aus den Stadien gewiesen wie noch vor einem Jahr. Die Behörden reizen die Möglichkeiten des verschärften Hooligan-Konkordats aber nicht aus.

Grossaufgebot der Polizei bei einem Hochrisikospiel vor dem Stadion Letzigrund. Foto: Sophie Stieger
Grossaufgebot der Polizei bei einem Hochrisikospiel vor dem Stadion Letzigrund. Foto: Sophie Stieger

Die Zürcher Polizeibehörden hatten genug Zeit, ihrem obersten Chef ein Ei zu legen. Ein Jahr ist es nun her, dass Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) ein Versprechen abgab: Das verschärfte Hooligan-Konkordat, das damals in Kraft trat, werde mit Augenmass angewendet. Die Polizei hätte seither aufgrund ihrer neuen Befugnisse Intimkontrollen am Eingang zum Letzigrundstadion anordnen können, oder sie hätte die Fans dazu zwingen können, bestimmte Züge und Busse zu benutzen. So hatten es die Gegner des Konkordats in ihren Worst-Case-Szenarien skizziert.

Eingetreten ist das nicht – und doch haben sich manche Dinge verändert im letzten Jahr. Allerdings vornehmlich in einem Bereich, von dem die Mehrheit der Fans nichts mitbekommt, und der Rest der Bevölkerung erst recht nicht.

Aufsehenerregende Vorfälle

Für öffentliches Aufsehen gesorgt haben in Zürich nur zwei Ereignisse, die direkt mit dem Konkordat zusammenhingen. Das erste Mal, als der FC Zürich im Januar ein Testspiel gegen den Biel auf der Schwamendinger Sportanlage Heerenschürli absagte. Die Polizei hatte die Bewilligung für das Spiel, die es neuerdings braucht, an Sicherheitsauflagen geknüpft, die der FCZ «unverhältnismässig» fand. Die Konkordatsgegner sahen ihre Befürchtungen bestätigt.

Das zweite Mal, als die Stadtpolizei im Mai eine Spielpaarung zur Hoch­risikoangelegenheit erklärte, die zuvor nie ein Thema gewesen war: GC gegen St. Gallen. Die Fans ärgerten sich über das daraus folgende Alkoholverbot im Stadion – eine Einschränkung, von der es im Abstimmungskampf um das neue Konkordat geheissen hatte, dass sie nur beim Zürcher Derby und Spielen mit Basler oder Berner Beteiligung zu erwarten sei. Die Polizei erklärte ihren Entscheid damit, dass es beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Vereine Ausschreitungen gegeben habe.

Drei Jahre sind die Ausnahme

Während dies bislang Ausnahmefälle geblieben sind, haben die Behörden hinter den Kulissen die Schraube konsequent angezogen, wenn es um die wichtigste Sanktion gegen negativ aufgefallene Fans ging: das Rayonverbot. Für eines der häufigsten Vergehen, das Zünder sogenannten Pyros (Seenotfackeln), gab es laut dem Sicherheitschef des FC Zürich, Martin Guglielmetti, früher ein Verbot von neun bis zwölf Monaten. Neu dauere es in der Regel ein bis zwei Jahre.

So lange darf der bestrafte Fan vor, während und nach den Fussballspielen bestimmte Gebiete nicht betreten: auf jeden Fall das Stadion, manchmal auch zusätzliche Hotspots. Laut Fanarbeitern wurden zum Beispiel der Bahnhof, das Niederdorf oder die Stadtkreise 4 und 5 schon zum Sperrgebiet erklärt.

Das verschärfte Hooligan-Konkordat gibt den Zürcher Polizeibehörden die Macht, ein solches Verbot für eine Dauer von bis zu drei Jahren zu verhängen. Ausgereizt haben sie diesen Spielraum nach Angaben der Sicherheitsdirektion bisher aber kaum: Nur zwei Vorfälle hätten im letzten Jahr ein Rayonverbot von maximaler Dauer zur Folge gehabt. Einmal war ein Zürcher betroffen, einmal ein Auswärtiger. Es ging dabei um Tätlichkeiten und Anführen eines Mobs.

Kaum Meldeauflagen

Gemäss eben erst veröffentlichten Zahlen des Bundesamt für Polizei waren per Ende Juli landesweit 251 Sportfans mit einem Rayonverbot belegt. Jedes sechste dieser Verbote hat eine Zürcher Polizeistelle verfügt.

Eine Seltenheit geblieben sind bisher Meldeauflagen, wie sie das Konkordat ebenfalls vorsieht. Die Polizei könnte einen straffällig gewordenen Fan im Prinzip damit verpflichten, während der Spiele bei ihr vorzutraben, um sicherzustellen, dass er das Rayonverbot einhält. Zurzeit gibt es aber in der ganzen Schweiz nur vier solche Fälle. Luca Maggi, der Co-Vizepräsident der Grünen Schweiz, ist dennoch nicht zufrieden mit der Bilanz nach einem Jahr unter dem neuen Regime. Der einstige Sprecher der Kampagne gegen das verschärfte Konkordat ist der Ansicht, die verlängerten Rayonverbote seien unverhältnismässige Strafen für die oft nur geringen Vergehen. Hinzu komme, dass dadurch die Zahl der Einträge in der Hooligan-Datenbank des Bundes zunehme. «So produziert man statistisch mehr Hooligans», sagt er, «und kann das dann später als Argument für weitere Verschärfungen missbrauchen.»

Jeder Fünfte ist ein Zürcher

Tatsächlich hat die Zahl der in der Datenbank erfassten Personen gegenüber den Vorjahr erneut um etwa zehn Prozent zugenommen, auf fast 1500. Jeder fünfte Eintrag betrifft laut der Sicherheitsdirektion einen Zürcher. Gelöscht aus der Datenbank wird man erst drei Jahre nach dem Ende einer Massnahme.

Deutlich zugenommen hat im letzten Jahr auch eine Zahl, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem verschärften Konkordat steht: jene der Stadionverbote, welche die Klubs erlassen haben (siehe Grafik und Kasten). Es handelt sich dabei um eine privatrechtliche Massnahme, ähnlich dem Hausverbot in einer Bar. Ein Drittel aller Stadionverbote in der Schweiz geht aufs Konto der Zürcher Fussballclubs, wobei der FCZ etwa doppelt so viele ausgesprochen hat wie GC.

Zur Erinnerung: Vor fünf Jahren standen beide noch in der Kritik, weil sie je nur eine Handvoll solcher Verbote vorzuweisen hatten.

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