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Sommerroman (15): Schlechte Trips

Franziska versaut Serge den Flirt. Während Max über den Zürichsee fliegt.

«Feiert den Geist der Street-Parade»: Das Motto 2010, als ein warmer Sommerregen auf die Raver fiel.Foto: Doris Fanconi
«Feiert den Geist der Street-Parade»: Das Motto 2010, als ein warmer Sommerregen auf die Raver fiel.Foto: Doris Fanconi

Was bisher geschah: Franziska Bachmann, Mutter des vermissten Max, und ihre Freundinnen wollen auf Serges Love-Mobile, wo sich Bri Suter in Stellung gebracht hat.

Das Paraden-Hochgefühl kam zurück. Dank den Drafts, die Serge längst zu zählen aufgehört hatte; dank den drei Aspirin; dank dem Wagen, der reibungslos durch die Meute glitt. Und vor allem dank der Krankenschwester, die Serge bereits in seinem Bett liegen sah. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Bri weigerte sich zu tanzen, stopfte ihre Ohropax alle paar Minuten noch tiefer in die Ohren, lachte über keinen seiner Scherze. Trotzdem blieb sie auf dem Wagen. Und trank alle Gin Tonics, die er offerierte. Hemmungen. Serge kannte das: Frauen, die etwas wollten, aber nicht dazu standen. Die einzige Strategie, die hier funktionierte, hiess: mitfühlendes Vortasten, langsames Anpirschen.

Endlich hatte er ein Einfallstor gefunden: Lästern über Paraden-Besucher. Mit allen andern Themen war er abgeblitzt. Musik, gemeinsame Bekannte, der kühle Sommer. Genickt hatte sie, mit diesen arroganten, zugekniffenen Augen, mehr nicht. Aber als er ihr beim Bellevue einen älteren Mann in silbernen Badehosen zeigte, der auf ein Tramhäuschen zu klettern versuchte, und sagte: «Im Altersheim gabs heute Speed zum Frühstück», entlockte er Bri ein erstes Grinsen.

Der Wagen war schlimmer als Untersuchungshaft. Taub machende Maschinengewehr-Musik, überall Disco-Nebel, zuckende Konsum–Mumien. Zum Glück gabs Serge. Der war die eingefallenste Mumie von allen, aber er blieb anständig, brachte Alkohol, hielt die anderen Affen fern. Nur eins war er nicht: witzig. Seine Sprüche klangen wie die von systemkonformen Stand-up-Komikern. Und wenn Bri doch lachte, dann nur, weil Serges Witze unfreiwillig auf ihn selber zutrafen.

Bri prüfte ihr Handy, alle Sender waren platziert. Noch eine Stunde. Dann würde sie diese elende Party beenden.

«Komm, wir verreisen wieder.»

Vier Hände und schrilles «Naaiii»-Gekreische hielten Franziska zurück.

«Wo willst du sonst hin? Hier läuft der geilste Sound. Und dass Serge ein Idiot ist, weisst du seit 12 Jahren.»

Es war erbärmlich. Serge flirtete tatsächlich mit einer Krankenschwester und erst noch einer, die seine Tochter hätte sein können. Auch Fränzi war als Krankenschwester verkleidet gewesen, als Serge sie an der Parade 1998 angesprochen hatte. Später, als seine Vorliebe für weisse Miniröcke, weisse Strümpfe und weisse, mit einem roten Kreuz bedruckte Häubchen zu nerven begann, warf sie ihm vor, dass er sie allein wegen ihrer Aufmachung angeflirtet hätte. Und sich selber verfluchte Franziska, dass sie damals auf Nora gehört hatte. Und sich zu diesem kindischen Kostüm hatte überreden lassen, das schon damals eine Kategorie-APeinlichkeit war.

Kurz keimte Hoffnung auf. Der Gorilla wollte sie nicht aufs Love-Mobile lassen.

«Keine Einladung, keine Chance. Und Serge kennt die halbe Stadt, das nützt euch gar nichts.»

Tanja, die Profi-Ausgeherin, gab nicht auf. Den Anhänger entlang kämpfte sie sich durch die dichte Menge nach hinten, bis sie direkt unter Serge stand, der seiner Lolita-Pflegeassistentin gerade das Häubchen zurechtrückte.

«Serge. Die Mutter deines Sohnes ist hier. Willst du sie nicht hochbitten?»

Die Einsamkeit war absurd. Rundherum feierten Tausende von Menschen, umarmten sich, kreischten. Nur Mandy auf ihren hohen Schuhen stakste allein über die Miniatur-Gebirge aus Energy-DrinkDosen. Selbst die SMS, mit denen Germar ihre Inbox flutete, freuten sie: «Wäre so gern with you!!!» Man hatte sie gewarnt. Die Zürcher (langsam arrangierte sie sich mit dieser unlogischen Aussprache) seien kalte Fische. Desinteressiert. Selbstzufrieden. Die Pessimisten hatten leider recht behalten. Selbst dieses doofe MDMA holte sie nicht aus ihrem Tief. Hellwach war sie, die Sinne geschärft, der Verstand klar wie die Limmat im Frühling. Nur von Wärme keine Spur. Vielleicht hatte ihr Franziska eine dieser gestreckten Pillen untergejubelt, von denen sie kürzlich gelesen hatte. Pillen, in denen es alles gab ausser MDMA.

Ständig wurde sie angerempelt, zweimal knickten die Schuhe, beinahe wäre sie hingefallen. Mandy kaufte eine Apfelschorle und steuerte Richtung See, wo sich die Menge zu lockern schien.

Serge hatte Tanja noch nie gemocht. Aber dass sie ihm so plump seinen Flirt vermasselte, würde er nie verzeihen. Hämisch hatte ihn Bri angelächelt.

«Bitte. Ich komm gut allein zurecht hier, man lässt die Mutter seines Sohnes doch nicht warten.»

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die drei Frauen begrüssen zu gehen. Franziskas Miene kündete Sturm an. Zusammengepresste Lippen, ein herumschweifender Blick, der irgendwann auf Serge einstechen würde.

«Serge. Warum bist du eigentlich nicht im Triemli-Spital? Dort hat es noch mehr Schwestern als hier.» «Fränzi, schön, dass du hier bist.» In Konfrontationen hatte er keine Chance. Er war ein schlechter Vater. Punkt. Um das nicht ständig hören zu müssen, hatte er sich seiner Ex gegenüber eine Teflon-Freundlichkeit angewöhnt, an der alle Vorwürfe abperlten. Sie umarmten sich flüchtig. «Und wie gehts unserem Max?» Die Miene verdüsterte sich wieder. «Bestens. Wie immer.» «Wollte er nicht mitkommen? Ich habe ihm erzählt, dass Daddy ein Love-Mobile hat.»

«Dein Sohn interessiert sich zum Glück überhaupt nicht für die Parade. Er ist mit Grosi am Minigolfen.»

Aus den Augenwinkeln beobachtete Serge, wie sich einer der Tänzer, ein junger Muskelprotz, an Bri heranmachte. Er war machtlos. Mindestens einen Höflichkeits-Drink war er Fränzi und ihren grinsenden Freundinnen schuldig. Die Frauen bestellten Cuba Libre. Geheimnisvoll zog ihn Fränzi am Arm beiseite, Serges Kopfweh klopfte wieder an.

«Serge, ich weiss ja, dass ich mich nicht auf dich verlassen kann. Aber beim Ecstasy hätte ich dir doch mehr Zuverlässigkeit zugetraut. Deine Pillen fahren überhaupt nicht ein. Ich fühl mich, als ob ich 20 Kaffees hinuntergeschüttet hätte. Sonst merk ich gar nichts.»

«Mir wäre auch lieber, du würdest mehr Liebe versprühen. Nein, ich schwör: Das Zeug ist beste Qualität.»

Sie stritten, bis Serge Franziska bat, ihm die Pillen zu zeigen. Sie drängten sich hinter eine Box, Serge schraubte die Dose auf. «Ritalin-Verpackung. Zur Tarnung.» Er hielt sich eine Pille vor die Augen, drehte sie zwischen den Fingern.

«Tut mir leid, Franziska. Du hast die Falschen erwischt. Das ist Ritalin.»

Sein heiseres Gelächter überflutete die Kompressor-Bässe.

Franziska musste erst ihren Ärger über den verpassten Trip verdauen, ehe sie die Katastrophe begriff. Wenn sie die Ritalin-Dose gepackt hatte, dann war die Ecstasy-Dose im Schränklein geblieben. Was bedeutete, dass ihr 12-Jähriger jetzt auf MDMA allein durch die Stadt irrte. Der Drink rutschte aus ihrer Hand, ein lauter Fluch schnitt sich durch Serges abklingendes Gelächter.

Da war er wieder, der niedliche Junge mit den schwarzen Augen, der Mandy als Einziger eine Umarmung geschenkt hatte. Diesmal balancierte er auf einem der Poller am Ende des Stegs, wie ein Vogel flatterte er mit den Armen. Ein paar Jugendliche äfften ihn nach, niemand sorgte sich. Typisch Grossstadt. Offenbar war es normal, wenn hier Halbwüchsige wie auf Drogen tanzten. Mandy hatte Max fast erreicht, als der Knabe sich umdrehte, sie anstarrte, grinste und gefährlich zu schwanken begann.

«Hallo liebe Wasserfee. Fang mich auf! Ich kann fliegen.»

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